Die Planstadt Brasília sollte ursprünglich alle Schichten vereinen, heute ist sie geprägt durch eine hohe soziale Ungleichheit und riesige Satellitenstädte mit Verkehrs- und Versorgungsproblemen, Wohnungsnot und extremer Kriminalität in einer der größten Favelas Brasiliens.

Unsere Route:

Donnerstag, 02.07.2026

Unser Tagesziel lag 380 km entfernt, mindestens 100 km zu weit für unseren Geschmack, aber wir wollten Strecke machen. Zunächst ging es wie gehabt schnurgerade durch endlose Mais- und Baumwollfelder, die Ortschaften unterwegs bestanden fast nur aus Firmen für Agrarzubehör aller Art, Tankstellen, Lkw-Werkstätten und Restaurants.

Irgendwann hatten wir diese langweilige Gegend hinter uns gelassen und fuhren durch hügeliges Brachland, teilweise dicht bewachsen mit niedrigen Wäldern, kaum noch sichtbarer Landwirtschaft, dafür vielen Hinweisschildern auf Indigenen-Reservate. Die Lkw-Dichte nahm spürbar ab, insgesamt war dieser Abschnitt sehr viel angenehmer zu fahren.

Am späten Nachmittag erreichten wir in Barra do Garças unser Ziel, einen Parkplatz neben dem etwas außerhalb liegenden städtischen Thermalbad. Das Ganze entpuppte sich als halboffizieller und sehr gut besuchter Campingplatz mit Dorfcharakter. Wir trafen auf außergewöhnlich freundliche Menschen mit Fahrzeugen in allen Größen und Erhaltungsstadien, leider verstanden wir mal wieder nichts, mit portugiesisch kommen wir einfach nicht zurecht… Es gab aber eine überraschende Anzahl hunsrik sprechender Menschen aus dem Süden des Landes, so dass wir doch noch zu ein bisschen Kommunikation kamen 😉.

Nebenbei stellten wir fest, dass wir unwissentlich die Zeitzone gewechselt hatten, wir stellten die Uhren eine Stunde weiter, plötzlich war es Abend und höchste Zeit für den Sundowner.

Freitag, 03.07.2026

Was für eine Berg und Talfahrt. 250 km lang ging es eigentlich nie durch die Ebene, Ingo arbeitete sich durch die nett anzusehende und dicht bewachsene Landschaft immer rauf und runter bis in die kleine Stadt Goiás.

Was sich unterwegs an den Straßenrändern schon abgezeichnet hatte, setzte sich an unserem Stellplatz im Parque Acácia leider fort, der herumliegende Müll nahm dramatisch zu. Ein ungewohntes Bild im sonst so sauberen Brasilien. Ingo parkte malerisch hinter Palmen am Seeufer, neben leeren Plastikflaschen im Gras, direkt vor ein paar Wohnhäusern und in Hörweite der Hauptstraße. Kaum etwas ist wie es scheint 😉.

Samstag, 04.07.2026

Die Etappen glichen sich, an diesem Tag gab es zur Auflockerung ein paar unbefestigte Abschnitte auf der ansonsten top ausgebauten Landstraße. Extrem nervig auf allen unseren bisherigen Strecken waren die unzähligen Topes zur Geschwindigkeitsreduzierung. Wir hatten das Gefühl, Brasilien lag in einem Wettstreit mit Mexiko, nach dem Motto „wer hat die meisten“. Sogar die typisch zentralamerikanischen Verkaufsstände direkt neben den Dingern gab es.

Unser Ziel war Pirenópolis, eine historische Kolonialstadt mit einem komplett unter Denkmalschutz stehenden historischen Zentrum. Die Kopfsteinpflastergassen sind gesäumt von niedrigen Häusern mit bunten Türen und Fenstern, alles ist liebevoll dekoriert. Auffallend waren die in der gesamten Stadt verteilten Skulpturen maskierter Männer, die das traditionelle Fest des Ortes, die Cavalhadas, verkörpern. Lt. der Überlieferung handelte es sich um verkleidete Diener und Sklaven, die auf diese Weise unerkannt an der Feier teilnahmen, wozu sie eigentlich nicht berechtigt waren.

Für einen entspannten Stadtbummel war es mit 31° leider viel zu heiß, relativ schnell zogen wir uns wieder auf unseren hübschen und schattigen Stellplatz zurück. Das stadtnahe Hotel Bela Vista war super gepflegt, bot auch ein paar Stellplätze für Camper und war voll mit netten Menschen, eigentlich aber nicht für Fahrzeuge von Ingos Dimensionen gemacht.

Der Abend war untermalt von der Musik des nahegelegenen Kinderfests, das scheinbar nahtlos in eine Party für die Erwachsenen überging. Selbst schuld, wer fährt auch Samstags in eine Stadt zum Übernachten…

Sonntag, 05.07.2026

Morgens bekamen wir Besuch. Die gesamten Besatzungen von vier Oldtimer VW sowie ein paar andere Hotel-/Campinggäste waren an Ingo und uns interessiert. Nachdem etwa 15 sympathische Menschen die Room-Tour in Ingo absolviert und wir uns gegenseitig fotografiert hatten, quetschen wir uns wieder durch die enge Ausfahrt und fuhren nach Brasília.

Die Hauptstadt Brasiliens wurde in den 50er Jahren in nur knapp vier Jahren im geographischen Zentrum des Landes aus dem Nichts erschaffen. 1960 wurde sie eröffnet und löste Rio de Janeiro als Hauptstadt ab. Die Stadt wurde vom Stadtplaner Lúcio Costa in Form eines Flugzeuges angelegt, fast alle Regierungs- und Kirchenbauten entlang des „Flugzeugrumpfes“ wurden vom Architekten Oscar Niemeyer entworfen, in den „Flügeln“ liegen die Wohnviertel.

Brasília wurde konsequent für das Auto konzipiert, es gibt breite Schnellstraßen, fast keine Ampeln, Kreuzungen oder Topes (s.o.), die Zufahrt zu unserem Stellplatz am westlichen Ende der Innenstadt war ein wahrer Genuss.

Wir parkten Ingo am Rande einer (Dauer-) Camper-Community incl. Friseurbus auf einem kleinen Parkplatz am Lago da Paranoa in Hörweite einiger Bars und Kneipen und hofften auf ruhige Nächte.

Brasília ist zwar super für Autofahrer, für Fußgänger kann es aber etwas schwierig werden. Zum Start unserer ersten Besichtigungsrunde ließen wir uns mit Uber zum Fernsehturm fahren, von der Aussichtsplattform wollten wir uns einen Überblick über die besondere Architektur verschaffen, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Dummerweise wurden aber gerade die Aufzüge saniert, eine Besichtigung war nicht möglich. Sehr schade, den Blick von oben hätten wir gerne gehabt.

Durch die überraschend grüne und weitläufige Hauptachse gingen wir zu Fuß zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten und Wahrzeichen der Stadt, der Catedral Metropolitana Nossa Senhora Aparecida.

Die Kathedrale in hyperboloider Struktur (s. Wikipedia) besteht aus 16 geschwungenen Betonpfeilern, die wie eine Krone in den Himmel ragen. Der Zugang erfolgt durch einen abgedunkelten Tunnel und öffnet sich in den lichtdurchfluteten Innenraum, der von riesigen Glasmalereien und drei monumentalen hängenden Engelsstatuen dominiert wird. Die Akustik ist faszinierend, wenn man an einem Ende der Betonwände flüstert, ist das am anderen Ende des Raumes deutlich zu hören. Insgesamt ein unglaublich beeindruckendes Bauwerk.

Zurück bei Ingo liefen die Vorbereitungen für das WM Spiel Brasilien-Norwegen auf vollen Touren. Die extra aufgebaute „Fanmeile“ war voll, alle trugen Gelb, die Stimmung war gut. Das legte sich allerdings im Laufe des Abends, Norwegen gewann 2:1, sehr schade für unser fußballbegeistertes Gastgeberland !

Montag, 06.07.2026

Offensichtlich war die Trauer über das Ausscheiden bei der WM so groß, dass dieser Umstand bis morgens um 3.00 bei wummernden Bässen diskutiert und vermutlich ertränkt werden musste. Und das alles 500 m neben uns…

Etwas gerädert starteten wir zu Tag zwei in Brasília. Erste Station war das Memorial JK mit einem 28 m hohen Betonpfeiler auf dem eine 4,5 m hohe Bronzestatue von Juscelino Kubitschek thront. Der Staatspräsident trieb den Bau Brasílias entscheidend voran, ohne ihn wäre die Vision einer neuen Hauptstadt aus dem Nichts niemals umgesetzt worden.

Spaziergänge in Brasília machen nicht wirklich Spaß, die Sehenswürdigkeiten sind weit auseinander gezogen, Fußwege liegen immer direkt an den breiten Straßen, die meist 4-spurig in eine Richtung führen. Trotzdem gingen wir ein paar Kilometer zu Fuß und auch wenn beileibe nicht jedes Gebäude Aufmerksamkeit verdient, empfanden wir die riesigen Freiflächen und vielen Grünanlagen erneut als sehr angenehm.

Irgendwann gaben wir auf, mit einem Uber fuhren wir zur Kirche Santuário Dom Bosco, einem von außen eher schlichten Betonklotz, im Inneren überrascht das Gebäude durch bodentiefe Buntglasfenster in 12 verschiedenen Blautönen. Die Stimmung in dem ansonsten sehr schlichten Kirchenraum hatte etwas ungemein beruhigendes, sofort kam uns uns auch der brasilianische Spruch „Tudo azul!“ („alles blau“ = alles super!) in den Sinn. Die Kirche wurde zu Ehren des italienischen Heiligen Don Bosco errichtet, der die Entstehung der utopischen Hauptstadt im Jahr 1883 vorhergesehen haben soll.

Weiter ging es in das Herz der Stadt, dem Regierungsviertel. Wir begannen mit dem Itamaraty, das Außenministerium gilt unter Architekturkennern als einer der gelungensten Entwürfe Niemeyers. Das Gebäude zeichnet sich besonders durch seine minimalistischen Betonbögen aus, umgeben ist es von schwimmenden Gärten nach einem Entwurf des weltberühmten Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx.

Direkt gegenüber liegt der Praça dos Três Poderes, der Platz der drei Gewalten, bestehend aus dem Nationalkongress (Legislative), dem Präsidentenpalast (Exekutive) und dem Obersten Bundesgericht (Judikative).

Der Nationalkongress ist ein Meisterwerk des architektonischen Modernismus, er besteht aus zwei parallelen 28-stöckigen Hochhaustürmen, flankiert von einer konkaven Schale und einer konvexen Kuppel. Insgesamt wirkt das Ensemble fast wie eine Raumstation mitten in der Stadt. Unsere eigentlich geplante Besichtigung des Inneren scheiterte leider an einer nicht zugestellten Bestätigungsmail, sehr schade.

Die meisten Ministeriumsgebäude entlang der Hauptachse sind relativ einheitliche, sachliche Betonblöcke, das Justizministerium bringt ein wenig Abwechslung ins Spiel. An der Fassade ergießen sich künstliche Wasserfälle aus asymmetrischen Rinnen.

Nur ein paar hundert Meter entfernt liegt der Palácio do Planalto, der Präsidentenpalast. Wie fast alle anderen wichtigen Gebäude der Stadt wurde auch dieses von Oscar Niemeyer entworfen, die weißen, geschwungenen Außenpfeiler sollen an Segel erinnern, die sich im Wind blähen. Niemeyer selbst beschrieb die Konstruktion als „leicht wie eine Feder, die den Beton berührt“.

Als letztes Bauwerk auf der sog. Monumentalachse besuchten wir den Obersten Gerichtshof, das Supremo Tribunal Federal. Wie die meisten anderen Regierungsgebäude, hat auch dieses eine fast schwebende Optik und eine Glasfassade, die Transparenz und Offenheit gegenüber den Bürgern symbolisieren soll. Die Skulptur der Justitia hält im Gegensatz zu den traditionellen Darstellungen keine Waage, sondern nur das Schwert der Gerechtigkeit auf ihren Knien.

Der Gedanke hinter dem Bau von Brasília war das Versprechen eines neuen, modernen und geeinten Brasiliens. Der Grundriss in Form eines Flugzeugs sollte das Symbol für ein Brasilien sein, das abhebt und den Blick nach vorne richtet. Der überzeugte Kommunist Niemeyer wollte eine Architektur der sozialen Gleichheit, die Wohnviertel wurden in identische Quadrate aufgeteilt, in denen Minister, Beamte und Arbeiter Tür an Tür in ähnlichen Gebäuden leben sollten. Die Realität holte die Vision allerdings schnell ein, die Arbeiter, die Brasília bauten, konnten sich ein Leben in der Stadt nie leisten, sie siedelten sich außerhalb an, es entstanden riesige Satellitenstädte. Brasília ist heute eine der am stärksten segregierten Städte Brasiliens.

Nach so viel geballter Architektur fuhren wir zurück zu Ingo und stellten mit Freude fest, dass die „Fanmeile“ abgebaut war, die Nacht versprach ruhiger zu werden.

Dienstag, 07.07.2026

Wir zogen um. Nur ein paar Kilometer weiter brachten wir Ingo für die folgende Woche hinter Schloss und Riegel. Morgen um 8.40 geht unser Flug nach Manaus, dem Tor zum Amazonas und damit dem größten Regenwald der Erde. Von dort werden wir per Boot tiefer in den Dschungel gebracht, wo wir drei Nächte in einer Lodge verbringen werden, um in die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt einzutauchen.

Unseren Abendspaziergang machten wir zur Juscelino-Kubitschek-Brücke, ausnahmsweise kein Niemeyer-Entwurf, sondern von Alexandre Chan. Die Brücke ist weltberühmt für ihre drei asymmetrischen Stahlbögen, die sich über die Fahrbahn schwingen, was die Statik extrem komplex macht. Schon kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 2002 wurde sie für ihre außergewöhnliche Ästhetik und ingenieurstechnische Leistung ausgezeichnet. 

Morgen um 6.00 steht das Taxi vor der Tür, unsere Bekleidung ist bereit, wir auch !

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