Von den letzten sieben Tagen in Brasilien regnete es drei halbe Tage plus einige Stunden hier und da nicht. Kein optimaler Schnitt für unsere eigentlich geplante langsame Fahrt entlang der Küste incl. einem Abstecher auf den längsten Strand der Welt. Schade !

Unsere Route:
Donnerstag, 13.08.2026 bis Samstag, 15.08.2026
Etwas weiter südlich von Laguna sollte der Regen zumindest ab und zu eine Pause machen, wir fuhren los. Nach etwa 100 km fanden wir in einem Ort mit dem völlig unaussprechlichen Namen Foquihinha einen ruhigen Parkplatz mitten in der Stadt. Ingo stand vor einer Reihe künstlicher Fachwerkhäuser, eine Fußgängerbrücke über den Fluß endete genau vor einem Meer aus Deutschlandfahnen und wir bewegten uns in einer Regenpause auf dem Heimatweg durch den Ort. Unschwer zu erkennen, wer die Stadt ursprünglich gegründet hat. Dieses Mal gab es aber unglücklicherweise nirgends Apfelstrudel und irgendwas mit Spätzle, auch sonst bot die Gastronomieszene leider nichts besonders Reizvolles. Wir zogen uns in Ingo zurück und warteten auf besseres Wetter.






Samstag, 15.08.2026
Nach zwei Nächten gaben wir auf, die Schlechtwetterfront war hartnäckig, weiter südlich sollte es etwas besser sein, also los! Die gesamte Strecke von 175 km fuhren wir durch Regen, mal mehr, mal weniger stark, es nervte. Kaum angekommen in Osário war es immerhin trocken, dafür empfing uns ein fast schon patagonischer Wind, wir wussten nicht so recht, was schlimmer war… Am Ortsrand unterhält die Stadt ein riesiges Rodeogelände mit diversen Vereinsheimen, irgendwelchen undefinierbaren und teilweise bewohnten Gebäuden sowie einem Campingareal. Genau dort parkten wir Ingo im Windschatten von 5 m hohen Bambusbüschen, lauschten dem Rauschen der Blätter und waren gespannt auf die abendliche Party, für die in einem Gebäude genau vor uns am Nachmittag die Vorbereitungen liefen 🫣.






Ein paar Stunden später waren wir schlauer. Was für eine bescheuerte Idee, an einem Samstag auf ein solches Gelände zu fahren und auf Ruhe zu hoffen. Ein paar hundert Meter entfernt testete irgend ein … stundenlang die Soundanlage seines Autos und brachte damit tatsächlich Ingos Scheiben zum Vibrieren und die Party neben uns entwickelte so langsam ihr Potential. Super… Am Ende waren wir von zwei Parties und dem Bassfetischisten im Pkw umgeben, der bis 04.30 mit seinem ohrenbetäubenden Lärm weitermachte. Leider konnten wir den Standort nicht mehr wechseln, die ersten Feierabendgetränke hatten wir schon intus und in Brasilien gilt eine strikte 0 ‰ Regelung mit drakonischen Strafen. Insgesamt war das die schlimmste Nacht unserer gesamten Reise.
Sonntag, 16.08.2026
Etwas gerädert machten wir uns auf den Weg Richtung Porto Alegre, der Hauptstadt des südlichsten Bundesstaates Rio Grande do Sul und das kulturelle Zentrum der brasilianischen Gaúcho-Kultur. Eindeutig waren wir auch wieder im Mate-Land, seit dem Verlassen von Paraguay hatten wir keine Menschen mehr mit Thermoskanne unter dem Arm gesehen. Etwas nördlich der Stadt fanden wir einen Stellplatz auf dem weitläufigen Gelände der Sociedade Gaúcha da Lomba Grande. Der Empfang war super freundlich und nach einigem Abwägen mit dem Herrn vom Einlass parkte Ingo schließlich vor einem Pferdestall.



Der gerade stattfindenden traditionellen Tanzveranstaltung konnten wir mangels Einladung leider nicht beiwohnen, die Jungs auf ihren Pferden beim Lasso Training waren aber mindestens genauso faszinierend.





Der Hauptgrund unseres Abstechers nach Porto Alegre war aber ein gut sortierter Baumarkt. Für die anstehende Verschiffung benötigten wir noch ein bisschen Verpackungsmaterial etc. und außerdem waren unsere Dieseltanks zu voll. Mehr als 20% dürfen auf dem Frachter nicht im Tank sein, durch unsere Umbuchung auf ein früheres Schiff fehlte uns die Zeit für noch ein paar Sehenswürdigkeiten und damit verbundener Dieselreduzierung, ein bisschen spazieren fahren war angesagt…
Montag, 17.08.2026
Nachdem die Chor- und Tanzproben gegen 22.00 beendet waren, wurde es herrlich ruhig. Die diversen Scheinwerfer um uns herum brannten nicht, Hähne waren zwar vorhanden, aber heiser und dementsprechend leise und die Hunde hielten ihre nächtliche Kommunikation kurz. Eine Wohltat nach der Nacht zuvor. Auf dem weiteren Weg nach Süden machten wir in Porto Alegre einen Einkaufsstopp in einem dieser riesigen Großhändler-Schachtel-Supermärkte in einer Kette, in der wir schon zig Mal waren. Dieses Mal ging das im Atacadáo aber alles nicht so einfach, bevor die Dame an der Kasse überhaupt anfing unseren Einkauf zu scannen, mussten wir eine sog. CPF angeben. Über diese brasilianische Steuernummer stolpert man immer und überall, normalerweise benötigt man sie als Ausländer aber nicht, dieses Mal schon. Die Eingabe einer Fake Nummer funktioniert leider nie, nach einigem Hin und Her kam schließlich die Supervisorin mit einer Kundin im Schlepptau zurück, die netterweise ihre eigene Nummer eintippte. Wir waren gespannt, ob das ein Problem des Bundesstaates oder der Stadt war… Und da sage noch einer, Deutschland sei bürokratisch.

Wir machten einen weiteren Zwischenhalt und gönnten Ingo ein kleines Wellnessprogramm. Bis zu vier Menschen gleichzeitig machten sich mit reichlich Schaum, Wasser und Bürsten eine Stunde lang an ihm zu schaffen, am Ende sah er so gut aus wie schon lange nicht mehr. V.a. war das eine der wenigen Wäschen auf unserer Reise, bei der wir tatsächlich das Gefühl hatten, es nur mit Volljährigen zu tun zu haben…



Am späten Nachmittag erreichten wir die Kleinstadt Barra do Ribeiro und stellten uns am Lago Guaíba auf einen etwas aufgeweichten und relativ unspektakulären Parkplatz am Ufer. Der Spaziergang durch die nähere Umgebung gab außer endlich sonnigem Wetter und angenehmen Temperaturen nicht besonders viel her, also zurück in Ingo und Feierabend.


Gegen später stellten wir fest, dass wir unbeabsichtigt wohl mitten in einer Art religiösen Stätte gelandet waren. Abends hörten wir in der Nähe Trommeln, danach tauchten nacheinander unterschiedliche Gruppen von Afro-Basilianern auf, legten Lebensmittel am Strand ab, zündeten Kerzen an und sprachen Gebete. Gegen 22.30 kam die letzte Gruppe. Vier Frauen in traditioneller Kleidung knieten sich vor einen Baum nieder, legten einen Fisch und Mais ab und entzündeten Kerzen, ein Mann stand dahinter und klingelte mit einem Glöckchen, dazu sang die Gruppe eine Art Sprechgesang. Vermutlich handelte es sich um religiöse Rituale der Umbanda oder Candomblé-Religionen. Den Naturgeistern werden Opfergaben gebracht, in diesem Fall wahrscheinlich der Göttin Itansã bzw. Oyá, die u.a. für Regen und Unwetter verantwortlich ist. 2024 wurde der Bundesstaat Rio Grande do Sul von einer der schwersten Hochwasserkatastrophen in der Geschichte Lateinamerikas getroffen, der aktuell seit Wochen anhaltende Regen rief wahrscheinlich Erinnerungen wach.


Wir drückten den Menschen die Daumen, auch wenn die Opfergaben die Götter nicht erreichten. Um den Fisch kümmerte sich sehr schnell eine Katze, über das Obst freute sich ein Pferd.
Dienstag, 18.08.2026
Wir strichen die Segel vor dem Wetter und fuhren zügig 300 km weiter Richtung Uruguay. Von typisch deutschem nebligen Novemberwetter bis zu sintflutartigem Starkregen war alles dabei. Unser anvisierter Stellplatz am Strand stand komplett unter Wasser, Plan B, ein Campingplatz in der Nähe war geschlossen und menschenleer, am Ende landeten wir auf dem Parkplatz einer brasilianischen Kaufhauskette. Die Geschäfte von „Havan“ sehen immer gleich aus, die Fassade ist eine Kopie des Kapitols in Washington und fast immer steht eine 30-40 m hohe Nachbildung der Freiheitsstatue auf dem Parkplatz. Auf die Statue mussten wir leider verzichten, dafür hatten wir eine 4-spurige Straße vor der Nase und eine Supermarktbaustelle 10 Meter neben uns. Wir wollten aber nicht meckern, die Mitarbeiter waren durch die Bank extrem freundlich und selbstverständlich konnten wir übernachten.




Mittwoch, 19.08.2026
Das waren mit Abstand die hellsten Scheinwerfer, unter denen wir jemals geparkt hatten, die nächtliche Beleuchtung des Havan Parkplatzes ersetzte locker die Straßenlaternen der gesamten Umgebung 🫣. Dafür war die Nacht überraschend leise, also alles gut. Die etwa 200 km zu unserem vorletzten Ziel in Brasilien verliefen überwiegend langweilig durch völlig überschwemmte Landwirtschaftsflächen, unglaublich, was der Regen der vergangenen Wochen angerichtet hatte.

Knapp 20 km vor der Grenze zu Uruguay bogen wir rechts ab und fanden am ehemaligen Hafen Porto Pindorama einen netten Platz neben einem momentan geschlossenen Museum im ehemaligen Terminalgebäude. Der Hafen am Lago Mirim hatte seine Blütezeit bis in die 70er Jahre, seitdem verfällt das Areal und wird nur noch von Anglern, Sportlern, Autocruisern, diversen Hunden und Menschen wie uns genutzt. Zum Zeitpunkt unseres Besuches reichte das Wasser bis an den Beginn des Steges, ein Spaziergänger zeigte uns Fotos der vergangenen Woche, auf denen die gesamte Umgebung knochentrocken war. Für den kommenden Tag gab es erneut eine Unwetterwarnung, super…






Donnerstag, 20.08.2026
Nachdem wir am Vorabend unsere kleine Waschmaschine angeworfen und Ingo zur Trockenkammer umfunktioniert hatten, bestand unsere letzte Amtshandlung in Brasilien im Besuch eines Self-Service-Waschsalons für „die große Wäsche“. Am Ende dauerte diese Aktion den gesamten Vormittag, obwohl wir nur zwei Maschinen hatten, Schuld daran war mal wieder das schlechte Wetter. Offensichtlich hat in dieser Stadt jeder eine Waschmaschine, einen Trockner aber nicht. Bei 100% Luftfeuchtigkeit und Dauerregen entfällt die Option der Lufttrocknung, also alle Mann ab in die Laundry. Ständig kamen Menschen mit zig Taschen oder ganzen Rollkoffern voller nasser Wäsche an, wir hatten zwar das Glück, relativ weit vorne in der Warteschlange zu sein, einige Stunden verbrachten wir in Summe dann aber eben doch in dem Laden.


Aber wir hatten ja Zeit… Im Anschluß fuhren wir (natürlich im Regen) an den Stadtrand zu einem Gelände für Agrarmessen, Viehauktionen und Rodeos. Der örtliche Landwirtschaftsverband betreibt dort nebenbei ein kleines kostenloses Campingareal mit befestigtem Boden (!), das wir in all dem nassen Matsch gerne nutzten.





Morgen geht es für uns weiter nach Uruguay, gem. aktuellem Fahrplan soll in ungefähr 5 Wochen die „Grande Guinea“ mit Ingo an Bord Montevideo in Richtung Europa verlassen. Wir sehen dem mit etwas gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits freuen wir uns natürlich auf ein Wiedersehen mit vielen lang vermissten Menschen, andererseits wären wir ohne die anstehende Beseitigung unseres Gewährleistungsmangels wohl noch ungefähr 1 Jahr in Südamerika geblieben.

Brasilien macht uns durch den anhaltenden Regen den Abschied etwas leichter. Wir mochten das Land und v.a. die unglaublich freundlichen und positiven Menschen. Die Entfernungen im fünftgrößten Land der Welt sind riesig, die Landschaften in weiten Teilen sehr langweilig und noch nirgendwo anders haben wir so oft „ich spreche Ihre Sprache nicht“ oder „ich verstehe Sie nicht“ gesagt, trotzdem hat uns Brasilien mitgenommen. Wir behalten viele bleibende Erinnerungen in unseren Köpfen. Muito obrigado por tudo!!