Rio! Sonne, Copacabana, Caipirinha, schöne Menschen, laut, Samba, Karneval, Zuckerhut, riesig, Christus Statue, Fußball und das Maracanã-Stadion, Favelas etc. etc. Das oder ähnliches fällt wahrscheinlich jedem zu Rio de Janeiro ein, wir wollten uns ein eigenes Bild machen, wenn auch nur kurz.

Unsere Route:

Freitag, 24.07.2026

Knapp 250 km bei nicht ganz optimalem Wetter ging es immer durch die nette hügelige Landschaft von Minas Gerais bis zu unserem Ziel, dem Castelo de Itaipava. Das Anwesen gilt als einer der wenigen authentischen Nachbauten eines europäischen Schlosses im mittelalterlich-normannischen Renaissancestil in Südamerika. Es wurde in den 1920er Jahren von einem portugiesisch-brasilianischen Adligen als Sommerresidenz in Auftrag gegeben, fast alle Baumaterialien stammen aus Europa. Entworfen wurde es u.a. von Lúcio Costa, der später die Hauptstadt Brasília entwarf. Heute ist das Anwesen ein Hotel sowie Erlebnis- und Eventzentrum und eine DER Hochzeitslocations rund um Rio de Janeiro.

Das Ganze hatte ein bisschen was von Micky Maus und Phantasialand, aber wir waren auch nicht wegen des Schlosses gekommen, sondern wegen des Parkplatzes. Gegen einen geringen Verzehr in einem der Restaurants darf man kostenlos übernachten, sehr nett ! Wir parkten Ingo im Schutz eines riesigen Löwen und hofften trotz Autobahnnähe auf eine ungestörte Nacht.

Samstag, 25.07.2026

Nach dem Start ging es 50 km ständig bergab durch die leider immer nebliger werdende Gebirgskette Serra do Mar Richtung Rio de Janeiro.

Irgendwann erreichten wir die Ausläufer der 6,2 Mio. Metropole, der Verkehr wurde dichter und die Lkw Verbotsschilder häufiger. Da Ingo aber ja zum Glück kein Lastwagen sondern ein Wohnmobil ist, ignorierten wir die Verbotsschilder, blieben auf unserer ausgesuchten Route und hofften, keinen diskussionsfreudigen Polizisten zu treffen. Es klappte, wir durchquerten die Stadt ohne Probleme, nur der tiefhängende Nebel nahm uns die Sicht auf evtl. Sehenswürdigkeiten. Die Viertel rechts und links der Autobahn wirkten teilweise nicht besonders einladend, besonders krass waren die im Müll nach Futter suchenden Schweine und ein zwischen den Müllsäcken vor sich hin dösendes Pferd.

Etwa 20 km westlich der Stadt liegt Joá, ein kleines und relativ exklusives Stadtviertel mit steilen Straßen, dem angeblich schönsten Strand Rio de Janeiros und hübschen Aussichten auf den Atlantik. Nicht unbedingt das perfekte Ingorevier, aber genau dort lag „Fritz House“, ein weitläufiges und verwinkeltes Hanggrundstück mit u.a. Miet-Kabanas, Veranstaltungshalle, Pool und v.a. ein paar Wohnmobilstellplätzen mitten im Atlantischen Regenwald. Das Ganze war eine etwas undurchsichtige Ansammlung diverser Gebäude auf verschiedenen Ebenen und vielen mehr oder weniger fahrbereiten Pkw, alles überzogen von dem regenwaldtypischen Grünschleier. Diebische Kapuzineraffen waren auch unterwegs, wenn man sein Obst gerne behalten wollte, hielt man die Fenster besser geschlossen…

Nachdem der nachmittägliche Tanztee in Discolautstärke im Haus gegenüber gegen 20.00 beendet war, drehte der Verantwortliche für die Bumm-Bumm-Musik in der halboffiziellen Pop-up-Bar in der Nachbarschaft am Lautstärkeregler. Irgendwann in der Nacht kehrte aber auch dort Ruhe ein, insgesamt war der Lärmpegel für einen Samstag Abend in Rio absolut OK.

Sonntag, 26.07.2026

Auf Menschenmassen an irgendwelchen Top-Sehenswürdigkeiten hatten wir keine Lust, wir machten uns einen entspannten Sonntag Vormittag und fuhren mit Uber zum Porto Maravilha, dem neu gestalteten Hafenviertel von Rio. Kultur stand auf dem Programm, zunächst besuchten wir das Museu de Arte do Rio (MAR), das sich in wechselnden Ausstellungen mit der Geschichte Rios, afrobrasilianischer Kultur, zeitgenössischer Kunst und sozialen Themen widmet. Untergebracht ist es in einem 1916 erbauten Palast und einem ehemaligen Busterminal, die Gebäude sind durch eine geschwungene Dachkonstruktion und eine geschlossene Fußgängerbrücke miteinander verbunden.

Wie immer in solchen Ausstellungen gefiel uns natürlich nicht alles, am eindrucksvollsten fanden wir eine Ausstellung der südafrikanischen Fotografin Zanele Muholi zum Thema „Leben von schwarzen LGBTQIA+ Menschen“ (das möge bitte jeder selbst googeln 😉. Die Fotos waren unabhängig von der sperrigen Abkürzung aber wirklich gut…).

Nebenbei hat man von der Dachterrasse des Museums einen schönen Blick über das Viertel und die Bucht mit dem Museu do Amanhã (Museum der Zukunft), unserem nächsten Ziel.

Das Museu do Amanhã ist ein interaktives Wissenschafts- und Zukunftsmuseum, konzipiert von dem spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava. Es beschäftigt sich mit Daten, Ideen und Fragen zur Zukunft des Menschen, der Hauptfokus liegt auf Nachhaltigkeit, Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Technologie und Biodiversität. Das Ganze ist sehr modern und gut gemacht, für unseren Geschmack waren es aber ein bisschen zu viele Informationen auf zu vielen Bildschirmen und Tafeln.

Ganz in der Nähe der beiden Museen liegt das fast 3.000 m2 große Mural „Etnias“, das vom brasilianischen Street-Art-Künstler E. Kobra anlässlich der Olympiade 2016 geschaffen wurde. Es zeigt fünf Portraits indigener Menschen aus fünf Kontinenten und soll Frieden und die Einheit der Menschen symbolisieren. Leider ist das Werk mittlerweile ziemlich verblasst und teilweise zugewachsen.

Auf dem neu und schick gestalteten Hafenareal befand sich zwischen 1811 und 1831 der größte Ankunftshafen für verschleppte afrikanische Menschen in der Geschichte der Menschheit. Insgesamt landeten je nach Quelle zwischen 500.000 und über 1 Mio. versklavte Menschen direkt am Cais do Valongo. Die Geschichte des Kais wurde ab dem 19. und 20. Jhd komplett unter den Teppich gekehrt, 1911 wurde das gesamte Gelände zugeschüttet und überbaut. Mehr zufällig fand man 2011 alte Pflastersteine der Anlage, es gibt eine kleine Ausgrabungsstätte, die 2017 zum UNESCO Welterbe ernannt wurde, nach Hinweisen danach sucht man vergebens, von ihrer Existenz haben wir leider erst im Nachhinein erfahren. Eigentlich sollte man eine unübersehbare Gedenkstätte o.ä. erwarten…

Unser Bedürfnis nach Sightseeing war für den Tag gedeckt, wir fuhren mit Uber zurück zu Ingo und machten nur noch einen kleinen Spaziergang zu einem Aussichtspunkt in der Nähe unseres Stellplatzes. Vom Mirante do Joá hat man theoretisch einen super Blick auf die Pedra da Gávea, einen 844 m hohen Granitfelsen direkt an der Küste und die umliegenden Stadtviertel, praktisch war die Aussicht wie so häufig halb zugewachsen.

Montag, 27.07.2026

Stadtbesichtigung mal anders. Wir hatten weder die Zeit noch die Lust auf einen langen Großstadtaufenthalt gehabt, dieses Mal verzichteten wir auf Eigenplanung, Organisation und eine AirBnB Wohnung, wir gaben den faulen Pauschaltouristen. Einen Tag lang ließen wir uns im Rahmen einer deutschsprachigen Privattour mit dem Auto durch Rio fahren bzw. zu Fuß durch die Innenstadt führen. Auch mal nett.

Mit unserem Guide Philippe, einem in Rio lebenden und aufgewachsenen Deutsch-Brasilianer, hatten wir riesiges Glück, er zeigte uns „seine Stadt“ auf eine äußerst entspannte Art und Weise, versorgte uns mit fundierten Infos und Hintergrundwissen und zeigte uns auch Ecken der Stadt abseits der großen Touristenmassen. Wir begannen am Pão de Açúcar, dem Zuckerhut und damit einem der Wahrzeichen Rios. Der 396 m hohe Granitfelsen liegt an der Einfahrt zur Guanabara Bucht und ist vermutlich einer der bekanntesten Berge der Welt.

Bevor wir einen Teil der Stadt zu Fuß erkundeten, fuhr Philippe mit uns zum Benediktinerkloster Mosteiro de São Bento auf einem kleinen Hügel mitten im historischen Zentrum. Plötzlich hatte man das Gefühl, nicht mehr in einer Millionenstadt unterwegs zu sein, es herrschte eine überraschende Ruhe. Das 1590 gegründete Kloster ist von außen schlicht und fast schon langweilig, geht man hinein, steht man in einem Rausch aus Blattgold, der einen komplett erschlägt und eher wie eine Theaterkulisse als wie eine Kirche wirkt. Dagegen waren die Barockkirchen in Minas Gerais Kindergeburtstag…

Den krassen Gegensatz dazu stellt die Kathedrale von Rio dar. Der Entwurf ist von Stufenpyramiden der Maya inspiriert, das Sichtbetonmonster wurde bis 1979 errichtet und ist in unseren Augen die mit Abstand hässlichste Kirche, die wir kennen. Das Innere war nur unwesentlich attraktiver, auch die über 60 m hohen Buntglasfenster konnten den Gesamteindruck nicht retten. Der neben dem Gebäude stehende 80 m hohe Glockenturm ist leer, der Klang des Glockenspiels kommt aus Lautsprechern. Insgesamt für unseren Geschmack ein riesiger architektonischer Fehlgriff.

Bei dem anschließenden Spaziergang durch das Zentrum empfanden wir die Stadt weder als besonders hübsch, noch besonders hässlich, es gab ein bisschen was von allem. Die europäischen, bzw. portugiesischen Einflüsse waren teilweise unverkennbar, insgesamt eine angenehme und spannende Mischung. Bei dem Besuch in einer Saftbar zwischendurch waren wir ein bisschen feige, von 95% der angebotenen Früchte, bzw. Zutaten hatten wir noch nie gehört, wir blieben mit Mango-Maracuja bei altbekanntem 🙄.

Zwei Gebäude stachen in unseren Augen besonders heraus. Zum einen die Conveiteria Colombo, ein prachtvolles Kaffeehaus mit u.a. gigantischen Kristallspiegeln aus Belgien, italienischem Marmor und handgeschnitzten Edelholzmöbeln. Zum anderen das Real Gabinete Português de Leitura (Königlich-Portugiesisches Lesekabinett), das exakt so auch in einem Harry Potter Film vorkommen könnte. Die Bibliothek beherbergt die größte Sammlung portugiesischer Literatur außerhalb Portugals, regelmäßig wird sie zur schönsten Bibliothek der Welt gekürt.

Wir stiegen wieder ins Auto und fuhren ins Künstlerviertel Lapa zum nächsten Highlight, der Escadaria Selarón. Die weltberühmte bunte Treppe wurde von dem chilenischen Künstler Jorge Selarón ab 1990 geschaffen. Er begann auf eigene Kosten (und natürlich ohne irgendeine offizielle Genehmigung), die verfallene Treppe vor seinem Wohnhaus mit bunten Fliesen zu dekorieren, das Ganze verselbstständigte sich zur Lebensaufgabe. Über 2.000 Fliesen aus mehr als 60 Ländern sind auf der etwa 125m langen Treppe verarbeitet, viele davon wurden ihm von Reisenden und Unterstützern aus der ganzen Welt geschenkt. Bis zu seinem Tod 2013 tauschte er ständig einzelne Fliesen aus, er bezeichnete die Treppe als eine lebendige Huldigung an das brasilianische Volk. Inclusive uns waren etwa so viele Besucher wie Fliesen vor Ort, was den Genuss etwas trübte.

Weiter ging es nach Santa Teresa, dem sog. Boheme-Viertel auf einem Hügel oberhalb von Rio de Janeiro. Steile Kopfsteinplastergassen, niedrige Bebauung und viele kleine Geschäfte und Gastronomie erinnern eher an ein kleines Dorf als an einen Stadtteil einer Millionenmetropole. Das bekannteste Wahrzeichen von Santa Teresa ist die Bonde, eine historische Straßenbahn aus dem Ende des 19. Jhd. Eigentlich ein ganz normales Verkehrsmittel für die Bewohner des Viertels verkommt sie mehr und mehr zur Touristenbahn. Wir genossen tolle Aussichten auf Rio und bekamen endlich die Gelegenheit, Pão de Queijo (Käsebrot) zu probieren. Die kleinen Gebäckstücke aus hauptsächlich Tapiokastärke aus der Maniokwurzel, geriebenem Käse und Eiern sind ein extrem beliebter Snack in Brasilien. Sehr lecker und in Verbindung mit einer Schale eiskaltem Açaipüree ein hervorragender Mittagsimbiss.

Etwas, das wohl jeder mit Rio de Janeiro in Verbindung bringt, ist die Cristo Redentor, die 30 m hohe Christusstatue mit den ausgebreiteten Armen auf dem Berg Corcovado, die zu den sieben neuen Weltwundern zählt. Wir verzichteten auf den Besuch, täglich fahren etwa 5.000 bis 10.000 Menschen auf den Berg, pro Jahr sind es im Schnitt 2 bis 2,8 Mio. Besucher. Nichts für ein straffes Tagesprogramm wie unseres, außerdem sind wir ja bekanntermaßen keine Freunde von riesigen Menschenansammlungen. Wir „begnügten“ uns mit dem Cristo im Gegenlicht auf halber Strecke zum Gipfel und dem fast genauso perfekten Blick über die Stadt vom Mirante Dona Marta aus.

Ein weiteres Thema, das untrennbar mit Brasilien, in erster Linie aber auch mit Rio in Verbindung steht, sind die Favelas. Ende des 19. Jhd. führten die Abschaffung der Sklaverei und eine extreme Landflucht dazu, dass Millionen mittellose Menschen in die Städte strömten. Da es weder bezahlbaren Wohnraum noch staatliche Unterstützung gab, besetzten diese Menschen freie, schwer zugängliche Flächen, in Rio v.a. die steilen Berghänge. Im Laufe der Zeit wurden die provisorischen Hütten gegen mehrstöckige Steinhäuser ausgetauscht, heute sind viele Favelas an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen, die Gebäude durch Gewohnheitsrecht teilweise legalisiert. Da sich der Staat jahrzehntelang lang diskret zurückhielt, entstanden parallele Gesellschaftsstrukturen, Drogenkartelle oder vermehrt inoffizielle Milizen (z.T. aus ehemaligen Militärpolizisten) übernahmen das Kommando. Alleine in Rio lebt etwa 1/4 der Bevölkerung in Favelas, die teilweise aufgrund ihrer Lage mittlerweile auch durchaus Bewohner der städtischen Mittelschicht anziehen oder zu Spekulationsobjekten werden. Die größte und bekannteste Favela Rios ist Rochina, geschätzt hat diese „Stadt in der Stadt“ zwischen 100.000 und 200.000 Einwohner. Wie überall, wo die organisierte Kriminalität das Ruder übernommen hat, ist es für „normale“ Besucher v.a. in Begleitung ortskundiger Guides tagsüber relativ sicher, natürlich kann man aber theoretisch das Pech haben und in spontane Auseinandersetzungen geraten. Wir fuhren mit Philippe auf der Hauptachse einmal quer durch die Rochina, ein äußerst interessanter Einblick, von Fotos haben wir größtenteils abgesehen.

Zum Abschluss unserer Tour fuhren wir zu einem Aussichtspunkt über den Strand von Leblon, dem reichsten Viertel Rios, das sich nahtlos an das bekannte Ipanema anschließt. Leblon hat die höchsten Quadratmeterpreise ganz Südamerikas, hier leben Brasiliens Oberschicht, Prominente und Politiker. Interessanterweise bewacht durch die staatliche Polizei an den Eingängen zu den abgeriegelten Straßenzügen.

Der Aussichtspunkt war exemplarisch für die ganze Stadt, dreht man sich einmal um, blickt man auf eine der vielen Favelas, die sich übergangslos an die „normalen“ bis gehobenen Stadtviertel anschließen, noch nirgendwo anders hatten wir so extreme Gegensätze auf so engem Raum gesehen.

Wir waren froh diesen Abstecher nach Rio gemacht zu haben, für die Kürze der Zeit hatten wir das in unseren Augen bestmögliche aus diesem Besuch herausgeholt. Wir hatten unglaubliches Glück mit unserem Guide Philippe und auch wenn wir nicht den großen Zeh in den Sand von Copacabana gesteckt hatten, es hat sich gelohnt!

Dienstag, 28.07.2026

Raus aus der Stadt, rein in die Berge. Es war uns tatsächlich gelungen, Rio de Janeiro über für Lkw erlaubte Straßen zu verlassen, ein kleines Kunststück in dieser Stadt. 250 hügelige Kilometer lagen vor uns, wir waren zurück im hübschen Bundesstaat Minas Gerais. Die Fahrt war zäh, viele viele Lkw, noch mehr dieser nervigen Geschwindigkeitsreduktoren, hier und da ein Stau und ständig untermotorisierte Fahrzeuge aller Art an den Steigungen. Unser Ziel war der nördliche Teil des Parque Nacional do Itatiaia, der älteste Nationalpark Brasiliens liegt auf bis zu 2.800 m Höhe und zeichnet sich durch bizarre Felsformationen und alpine Hochebenen aus. Wir parkten Ingo am Eingang zum Park auf einer Schotterfläche und freuten uns auf eine ruhige Nacht. 

Mittwoch, 29.07.2026

Direkt am Beginn der Zufahrtsstraße in den Nationalpark hing ein unübersehbares Schild mit letztmöglichen Einlasszeiten für sämtliche Wanderwege, der maximalen Personenzahl auf den Wegen und dem Hinweis doch bitte die Tickets vorab online zu kaufen. Keine dieser Informationen waren auf der offiziellen Homepage des Parks zu finden, die wir uns natürlich vorab angesehen hatten…

Wir fuhren erstmal los, den Rest würde man sehen. Schon nach den ersten Metern war klar, diese 14 km werden extrem nervig. Die Straße war schlecht und bestand aus rudimentärem Asphalt, Schlaglöchern und felsigem Untergrund, äußerst holprig und unangenehm zu fahren. Und das war die Zufahrt zu einem DER Nationalparks… Nach einer Stunde endlich am Eingang angekommen, interessierte sich niemand mehr für evtl. Startzeiten oder Besucherzahlen auf den Wegen, selbstverständlich könnten wir auch vor Ort das Ticket kaufen. Der Eintritt von umgerechnet 7€ war völlig OK, der dann aufgerufene Preis für den obligatorischen Parkplatz dann allerdings eine Unverschämtheit. Wir sollten mit 25€ den Bustarif bezahlen, obwohl wir mit Ingo nicht mehr als max. 2 Parkplätze benötigt hätten. Auf Touristenabzocke hatten wir keine Lust, wir drehten um und holperten zurück. Schade, wir wären gerne mal wieder ein bisschen gewandert, aber wenigstens hatten wir auf dem Rückweg noch ein paar hübsche Aussichten.

Nachdem wir wieder vernünftigen Belag unter den Rädern hatten, machten wir noch ein bisschen Strecke und fuhren weiter Richtung Süden. Wir erreichten den Bundesstaat São Paolo und mussten das erste Mal in Brasilien an einer der zahlreichen und nie wirklich günstigen Mautstationen den doppelt so teuren Tarif für gewerbliche Lkw bezahlen. Normalerweise wurden wir ungefragt als Wohnmobil und damit als Privat Pkw eingestuft. Es gibt Tage…

Das Verkehrsaufkommen war immens, etwa 90% der Fahrzeuge waren Lkw, noch nirgendwo anders hatten wir soviel Schwerlastverkehr wie in Brasilien gesehen. Mitten auf der Autobahn passierten wir eine Polizeikontrolle auf der Gegenfahrbahn, bei der jedes einzelne Fahrzeug anhalten musste und im Anschluss den dadurch verursachten ca. 10 km langen Stau. Wahnsinn…

Am frühen Nachmittag reichte es uns, wir fuhren am Stadtrand von Taubaté einen Gastronomiepark an, der auch Wohnmobilstellplätze auf einer riesigen Wiese anbietet. Der Parque Por Do Sol war hübsch gemacht, die Gastronomie zwar etwas Fast Food- und Burgerlastig, aber wir kamen zurecht 😉.

Donnerstag, 30.07.2026

Die Umrundung von São Paolo stand uns bevor. Die Idee war, mit der 12 Mio. Einwohner Stadt auf ca. 1.520 km2 möglichst wenig zu tun zu haben. Wir entschieden uns für die streckenmäßig sehr viel längere Südumfahrung, die etwa 30 km Luftlinie vom Zentrum entfernt verläuft. Wie sich schnell zeigte, war das die richtige Entscheidung, wir fuhren auf einer 6-spurigen Autobahn durch grüne Landschaften mit kaum Verkehr, die Skyline der größten Stadt Südamerikas war nur verschwommen in der Ferne zu erkennen.

Nachdem wir São Paolo schon fast umrundet hatten, holte uns das Verkehrschaos dann doch noch ein, wir quälten uns durch zwei Staus, wobei es auch dieses Mal in die Gegenrichtung sehr viel schlimmer war.

Unterwegs hatten wir im Schnitt alle 40 km eine Mautstation und diverse Male die Gelegenheit, das bis heute gelebte Andenken an den 1994 tödlich verunglückten brasilianischen Rennfahrer Ayrton Senna zu beobachten. Nicht nur Straßen in fast allen Städten sind nach ihm benannt, es gibt Münzen zu seinem Gedenken, v.a. lebt er aber im Fahrstil vieler Brasilianer bis heute weiter.

Nach insgesamt fast 6 Stunden im Auto hatten wir keine Lust mehr, wir steuerten mangels Alternativen einen Posto (Raststätte) an. Diese Stationen gibt es an brasilianischen Autobahnen alle paar Kilometer, in der Regel bestehen sie aus einer Tankstelle, einem Restaurant und einem riesigen Parkplatz für die vielen vielen Lkw, ruhig sind sie nie. Der Posto Dionisio 88 verfügte nicht über eine Tankstelle, was den Durchgangsverkehr hoffentlich etwas reduzieren würde, Ingo stand winzig und klein in der hintersten Ecke und wir legten schon mal die Ohrstöpsel bereit.

Freitag, 31.07.2026

Schon wieder ein ziemlich zäher Fahrtag. Wir arbeiteten uns 300 km bergauf und bergab durch die Serra do Mar, ein insgesamt 1.500 km langer Gebirgszug entlang der Atlantikküste. Schneller als Tempo 60 war für schwere Fahrzeuge selten erlaubt, die meisten der untermotorisierten brasilianischen LKW schafften an den Steigungen gerade mal die Hälfte. Dafür waren sie im Gefälle umso schneller, stundenlang überholten wir immer wieder die selben Fahrzeuge, die dann bergab an uns vorbei zogen, um dann vor den unzähligen Radaranlagen wieder abzubremsen. Die Landschaft war aber hübsch, wenn auch sehr Palmen- und Bananen-lastig.

Unser Ziel war Curitiba, die Hauptstadt des Bundesstaates Paraná und angeblich die grünste und städtebaulich fortschrittlichste Metropole Brasiliens. Wir quartierten uns für die folgenden Tage im relativ stadtnahen Camping Só Trailers ein, einem kleinen „Bauernhof“ mitten im Wohngebiet. Das Gelände war bevölkert von Enten, Kaninchen, einem Hund und v.a. zahlreichen Hühnern und Hähnen. Mit Ausschlafen würde es wohl nichts werden.

Samstag, 01.08.2026

Es kam wie es kommen musste, alle Hähne wachten um 3.00 nachts auf und teilten jedem mit, dass sie nicht mehr schlafen konnten und damit die Nacht für alle vorbei wäre. Warum hält man Hähne auf einem Campingplatz? Wir werden es nie verstehen… Unsere Besichtigung von Curitiba begannen wir mit dem Museu Oscar Niemeyer, wegen seiner Architektur auch „O Olho“ („das Auge“) genannt. Immer wieder stolpert man in Brasilien über Entwürfe des weltberühmten Architekten aus Rio de Janeiro (1907-2012), das nach ihm benannte Kunstmuseum ist eines der bedeutendsten Kunst- und Designmuseen Lateinamerikas.

Im Anschluss erkundeten wir das historische Zentrum, eine wilde Mischung aus hübsch und häßlich. Tolle Kolonialbauten stehen direkt neben Hochhäusern und etwas heruntergekommenen Geschäftshäusern, das alles in sehr belebten Straßen mit zahlreichen Wandgemälden und Fliesenbildern, dazwischen viele Obdachlose und LGBT etc. Menschen. Spannend!

Sonntag, 02.08.2026

Wieder war um 3.00 Schluß mit der Nachtruhe, das Geflügel nervte! Tag zwei unserer Stadtbesichtigung starteten wir etwas unausgeschlafen bei der Ópera de Arame (Drahtoper), ein Theater, das komplett aus Stahlrohren und transparenten Platten besteht. Es wurde 1992 in nur 75 Tagen in einem ehemaligen Steinbruch errichtet, bei unserem Besuch hatten wir das Glück ein Gratiskonzert miterleben zu können. Ein faszinierender Bau vor einer hübschen Kulisse.

Weiter ging es einmal quer durch die Stadt nach Santa Felicidade, dem italienischen Viertel, das lt. einschlägiger Reiseliteratur bekannt ist für traditionelle Trattorien, Kunsthandwerk, Weingüter und riesige Familienrestaurants. Das einzige, was wir aus dieser Liste entdecken konnten, waren große Lokale, darunter das gigantische Familia Madalosso, mit Platz für 4.645 Gäste das größte Restaurant der Amerikas. Ob hier die Mama noch selber kocht…? Der Rest des Viertels erinnerte stark an ein künstliches Italien wie man es auch in Las Vegas findet. Nicht unser Ding, wir waren schnell wieder weg.

Den Abschluss unserer Tour bildete der Botanische Garten, eines der Wahrzeichen der Stadt. Das Highlight war eindeutig ein Gewächshaus im Jugendstil aus Stahl und Glas, der Rest ist aus unserer Sicht „nur“ ein hübsch angelegter und zumindest Sonntags äußerst gut besuchter Park.

Morgen fahren wir nach Pomerode, die deutscheste Stadt Brasiliens. Sie ist bekannt für die außerhalb Europas weltweit größte Ansammlung von Fachwerkhäusern, deutsche Küche, gutes Bier und deutsche Traditionen. Wir sind sehr gespannt, wir waren schon in ähnlichen Orten, die uns alle nicht gefallen hatten…

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2 Kommentare
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Michael
Michael
15 Tage zuvor

Toller Bericht ! Tolle Fotos ! Danke dass wir dabei sein duerfen !

Uta
Uta
22 Tage zuvor

Herrlich – der letzte Satz von diesem Post fasst so gut zusammen, was ich an Eurem Blog mag:
Das Neugierige und dabei komplett Unsentimentale.

Immer wieder eine Freude!

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