Beides sind eigentlich Inbegriffe von Sehnsuchtszielen, sie stehen weltweit für das Klischee vom großen Abenteuer im unberührten Dschungel. Man erwartet eine komplett abgelegene Stadt mit kolonialem Charme und die totale Einsamkeit im endlosen Urwald, umgeben vom mächtigsten Flusssystem der Erde. Die Realität ist faszinierend, aber anders.

Unsere Route:
Mittwoch, 08.07.2026
Der Wecker klingelte früh, um 6.00 stand der Uber zum Flughafen vor der Tür. Trotz nicht reservierter Sitze im Flugzeug hatten wir doppeltes Glück, erstens bekamen wir einen Fensterplatz und zweitens auf der richtigen Seite, um die Aussicht auf Brasílias Grundriss genießen zu können.


Kaum hatten wir die Stadtgrenzen hinter uns gelassen, begann das Amazonas Gebiet, die gesamte Flugzeit von 3 Stunden flogen wir über immer dichter werdenden grünen Dschungel, nur unterbrochen von unzähligen Flüssen. Faszinierend und ja nur ein winziger Bruchteil der auf neun Länder verteilten Gesamtfläche von 7 Mio. Km2.



Auch der Anflug auf Manaus war speziell, plötzlich tauchte mitten im Dschungel die Metropole mit 2 Mio Einwohnern auf. Die Stadt ist komplett von Urwald umschlossen, es gibt kaum Straßen, die dorthin führen, hauptsächlich ist Manaus über den Luft- oder Wasserweg erreichbar.
Sofort nach unserer Ankunft bekamen wir die Gelegenheit für eine Stadtbesichtigung, unser Hotelzimmer war erst 2,5 Stunden später bezugsfertig. Kein Spaß bei extrem schwülen 33°C… Erste Aufgabe war die Suche nach einem Friseur für Ute, fündig wurden wir in einer zu 99% leer stehenden Passage in irgendeiner Seitenstraße. „Salon Rose“ war nicht unbedingt das, was man als hip bezeichnen würde, die Einrichtung war aus den 50-60ern, die dort arbeitenden Damen auch, aber die Senhoras hatten Zeit und es gab eine Klimaanlage 🤷🏻♀️. Das Ergebnis war aber trotz extremer Verständigungsschwierigkeiten völlig OK. Den ersten Eindruck der Stadt empfanden wir nicht unbedingt als einladend, alles wirkte ein bisschen angestossen und gebraucht. Man musste schon genau hinsehen, um nette Ecken zu entdecken.





Das auffälligste und hübscheste auf unserem Rundgang war mit Abstand das Amazonas Theater. Nach 15 Jahren Bauzeit wurde es 1896 zu Zeiten des Kautschuk-Booms eröffnet, es sollte der Welt zeigen, dass Manaus keine wilde Dschungelsiedlung war, sondern eine reiche, zivilisierte Weltmetropole. Fast alle Baumaterialien wurden aus Europa per Schiff über den Atlantik und tausende Kilometer den Amazonas hinauf transportiert. Die Kuppel besteht aus 36.000 glasierten Kacheln aus Deutschland, die Marmorstufen kommen aus Carrara, die Kronleuchter bestehen aus Murano Glas, die Spiegel stammen aus Frankreich etc. etc. Zufällig kamen wir genau zum richtigen Zeitpunkt für eine englischsprachige Führung, wieder Glück gehabt! Nett war auch das aus 30.000 Teilen bestehende Lego Modell, das in dem damals bestehenden Lego Werk in Manaus hergestellt wurde.










Irgendwann war unser Zimmer tatsächlich fertig, wir legten eine Pause ein und versuchten uns an das Klima und die veränderte Zeitzone zu gewöhnen. Den Abend ließen wir im hervorragenden Restaurant Caxiri ausklingen, genossen die beste Ceviche seit langem und Amazonas-Küche mit Zutaten, von denen wir noch nie gehört hatten.




Donnerstag, 09.07.2026
Nach dem Frühstück wurden wir von einem Guide der Lodge abgeholt, Norberto fuhr mit uns zum Hafen bei den Markthallen, von wo es mit dem Speedboot zu den rosa Flussdelphinen gehen sollte. Aber erstmal musste er in dem Chaos rund um den Mercado das Auto loswerden, keine leichte Aufgabe… Nach ca. 30 Minuten war es geschafft, los ging’s. Am Hafen lagen mehrere Schiffe, die 8-10 Tage lang nach Kolumbien oder Venezuala fahren, die Unterbringung ist sportlich, man schläft dicht an dicht in Hängematten auf dem Mitteldeck.



Am gegenüberliegenden Ufer des an dieser Stelle mit nur 3,5 km sehr schmalen Rio Negro waren wir dann mittendrin im Delphinzirkus. So hatten wir uns das naiverweise nicht vorgestellt. Es gab zahlreiche Pontons mit Restauration, Souvenirshops und v.a. einem Delphin-Fütterer. Ein Herr stieg mit einem Eimer Sardinen ins Wasser und los ging die Show, auf Wunsch kann der Tourist hier auch mit den Delphinen „schwimmen“. Wir wollten nicht. Nicht unsere Welt, aber hübsch waren die rosa Tiere trotzdem. Sie sind die größten Flussdelphine der Welt und können bis zu 2,5 m lang sowie 185 kg schwer werden. Leider gelten sie als stark gefährdet, Gründe sind u.a. Umweltverschmutzung und die Fangnetze der Fischer.






Zurück in Manaus schlenderten wir mit Norberto durch den Mercado, weg vom Touristenteil ging es durch die Naturmedizin-, Fleisch-, Bananen- und Fischbereiche. Sehr spannend, v.a. die vielen unterschiedlichen Fische von Piranha über den 2,5 m langen Picarucu bis zum Payara (Vampirfisch) und noch viele viele mehr.












Im Anschluss fuhren wir quer durch die Stadt zum nächsten Bootsanleger und Treffen mit Jin, einem weiteren Gast der Lodge. Nach einer erneut ewig dauernden Parkplatzsuche folgte ein Mittagessen in einem sehr typischen kleinen Hafenlokal und Schritt 1 des eigentlichen Transports zur Pousada Juma Kabanas Amazon Lodge, unserem Quartier für die folgenden drei Nächte.

Mit dem zweiten Speedboat des Tages passierten wir zunächst das „Encontro das Águas“, ein einmaliges Naturphänomen, bei dem zwei der größten Flüsse Südamerikas aufeinandertreffen und kilometerweit nebeneinander her fließen ohne sich zu vermischen. Der relativ saure schwarze Rio Negro und der braune Rio Solimões haben unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten, Temperaturen und Dichten, erst durch starke Verwirbelungen, Stromschnellen und Kurven vermischen sich die beiden Gewässer zum Amazonas, dem größten Fluss der Erde.




Nach ca. 45 Minuten erreichten wir den winzigen Ort Careiro und wechselten für Schritt 2 das Verkehrsmittel. Wir stiegen in DAS allgegenwärtige Transportsmittel Brasiliens und v.a. des Amazonas, einen weißen VW T2. Das Ding hatte definitiv schon bessere Tage gesehen, immerhin gab es aber eine nachträglich eingebaute Klimaanlage, nicht unwichtig bei schwül heißen 34°C…

60 km später war mit Schritt 3 wieder Boot fahren dran, Manuel, unser Guide für die nächsten Tage holte uns ab und brachte uns in knapp 1 Stunde zur Lodge. Wir bezogen unsere hübsche Holzhütte, Uwe kassierte bei dem Versuch, Ute zuliebe ein riesiges Insekt zu entfernen, einen schmerzhaften Stich, ansonsten war die löchrige Hütte erstaunlich insektenfrei.




Da wir ja nicht zum Urlaub machen da waren, ging das Programm nach einer kurzen Pause direkt weiter. Wieder stiegen wir in das Boot und schipperten über den Lago Juma und den Rio Mamori zu einem der größten Bäume des Amazonas, einem etwa 35 m hohen Samaúma (Kapokbaum). Die Wurzeln dieses Exemplars reichen 200 m weit ins Wasser, die Umrundung des Stammes dauerte eine Weile.






Mit einem kurzen Halt zur Betrachtung des Sonnenuntergangs fuhren wir zurück in die Lodge und fielen nach dem Abendessen und einem kurzen Absacker in der Bar ziemlich erledigt ins Bett. Nachts bekamen wir Besuch von zwei Fröschen im Bad, hier und da begegneten wir Insekten in respekteinflößenden Größen, u.a. der Pepsis Heros (Spinnenwespe), die als größte lebende Hautflüglerart der Welt gilt. Die Weibchen können über 6 cm lang werden, die Flügelspannweite beträgt bis zu 10 cm. Der Name kommt nicht von ungefähr, sie jagen große Vogelspinnen, die sie dauerhaft lähmen und dann in eine Erdhöhle schleppen. Nachdem sie ein Ei auf dem Hinterleib der Spinne abgelegt haben, verschließen sie die Höhle und der sympathische Wespennachwuchs frisst seinen Wirt dann über Wochen bei lebendigem Leib auf, wobei er sich die lebenswichtigen Organe bis zum Schluss aufhebt. Aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen gibt es von diesem Tier nur ein schlechtes Handyfoto… Unsere Kabana selbst war aber zum Glück immer noch ziemlich tierfrei.




Die Nacht war begleitet vom Motorenlärm vorbeifahrender Boote, v.a. aber von wummernden Bässen. Wie weit muss man in Brasilien fahren, um seine Ruhe zu haben ???
Freitag, 10.07.2026
Um 8.30 saßen wir wieder im Boot, dieses Mal diente es als Zubringer für den Start einer Dschungelwanderung. Wie schon am Vortag bewegten wir uns mit dem Boot teilweise knapp unterhalb der Baumkronen, es herrschte zwar Trockenzeit, aber die Unmengen an Niederschlägen aus den Monaten davor hatten das Land etwa 8-10 m hoch überflutet.




Da wir immer noch die einzigen drei Gäste waren, hatte Manuel ausreichend Zeit und Muße, uns in die Geheimnisse der Pflanzenwelt einzuführen. Faszinierend, was manche Gewächse für Eigenschaften haben bzw. was man mit einfachsten Mitteln aus ihnen herstellen kann. Im Prinzip braucht man nur die nötigen Kenntnisse und zwingend eine Machete und schon hat man Fischköder, Pfeilspitzen, Trinkgefäße, Medizin etc. etc. Sehr interessant, trotzdem waren wir froh nach unglaublich schweißtreibenden 2 Stunden wieder im Boot zu sitzen. Diese Hitze in Verbindung mit der hohen Luftfeuchtigkeit schlauchte ganz schön. Gut, dass wir freiwillig da waren.








Ab dem Mittagessen war es dann vorbei mit unserem VIP Service, 8 weitere Gäste waren angekommen, künftig würde es kuschliger werden auf dem Boot…
Das stellten wir schon am Nachmittag fest, als es in den überfluteten Wald zum Piranha Angeln ging. Fast die gesamte Bootsbesatzung versuchte mit Holzangeln bewaffnet die ziemlich schnellen und cleveren Viecher aus dem Wasser zu holen, in der Regel blieb es beim Piranha füttern. Einige der Fische verloren aber doch, am Ende wurden etwa 8 Stück gefangen und wieder zurück ins Wasser befördert. Die Zähne und der an einem Ästchen vorgeführte Beißreflex waren beeindruckend.



Natürlich wurde auf dem Rückweg nochmal für den Sonnenuntergang angehalten, schließlich waren neue Gäste an Bord.
Direkt nach dem Abendessen fuhren wir nochmal raus, wir wollten nächtliches Dschungelfeeling und Kaimane gucken. Die vielfältigen Tiergeräusche wurden leider oft durch die Motorengeräusche der vorbeifahrenden Boote übertönt, eine ganz besondere Stimmung war es trotzdem. Manuel leuchtete die Umgebung mit seiner Taschenlampe aus, ab und zu entdeckte er die reflektierenden Augen von Kaimanen. Einige steuerten wir an, die meisten verschwanden sofort, ein kleinerer schwarzer Kaiman war allerdings zu langsam und Manuel zog ihn mit bloßen Händen aus dem Wasser – Respekt! Das Tier war etwa 2 Jahre alt und 60-70 cm lang, winzig wenn man bedenkt, dass diese Art bis zu 4 m lang werden kann. Der schwarze Kaiman steht an der Spitze der Nahrungskette, selbst Jaguare meiden die Auseinandersetzung mit ihm, lange Zeit wurde er wegen seines schwarzen Leders massiv gejagt und war fast ausgestorben, heute haben sich die Bestände in manchen Schutzgebieten des Amazonas gut erholt. Nach einigen Erklärungen setzte Manuel das Tier vorsichtig ins Wasser zurück und wir fuhren zurück zur Lodge. Unterwegs sahen wir noch eine kleine Boa im Baum hängen, das war‘s dann aber auch mit den Tiersichtungen.


Samstag, 11.07.2026
Die Sonnenaufgangstour mit Start um 5.20 ließen wir aus, wir sind ja bekanntermaßen nicht die größten Fans von Sonnenauf- oder untergängen, außer vielleicht in den Bergen o.ä.
Nach dem Frühstück starteten wir zu einem sog. „Ureinwohner-Haus“ mit angegliederter kleiner Landwirtschaft. So etwas darf ja nie fehlen, schließlich muss man irgendwo die Gelegenheit bekommen, Souvenirs zu kaufen… 🫣. Trotzdem war es ein interessanter Besuch, wir lernten etwas über die Herstellung von Mehl aus gelbem Maniok, der in rohem Zustand durch die enthaltene Blausäure immerhin so giftig ist, dass der Saft sogar Rinder töten kann. Die Tiere verenden innerhalb weniger Minuten, eine echte Gefahr für Haus- und Nutztiere. Nach 24-48 Stunden an der Luft fermentiert der Saft, das Gift gast vollständig aus und verliert seine Wirkung.






Nebenbei probierte Uwe noch einen Dschungelsnack, Manuel angelte den Interessierten Ameisen aus deren Bau, gegessen wurde das Hinterteil, das (angeblich) gar nicht so schlecht und ein bisschen nach Limone schmeckte.




Zum anschließenden Kaffee gab es gekochten Maniok, etwas normalerweise ziemlich fades, in diesem Fall aber mit überraschendem Eigengeschmack. Ein insgesamt entspannter Vormittag bei angenehm bedecktem Himmel, eine Wohltat nach den letzten Tagen.
Nach der Siesta am Nachmittag stiegen wir zum letzten Mal für eine Tour ins Boot, wieder tuckerten wir entlang der Uferlinie auf der Suche nach Tieren. Dieses Mal gab es zumindest ein Faultier ganz oben im Baum und weit weg sowie einige hübsche Schmetterlinge und Brüllaffen im Dämmerlicht. Für Tierbeobachtungen hatten wir uns definitiv die falsche Ecke des Amazonas ausgesucht, machte aber nichts, die Natur war trotzdem faszinierend.




Natürlich hielten wir auch dieses Mal für den Sonnenuntergang, mittlerweile unser dritter…
Wir genossen unser letztes Abendessen, u.a. die Vielfalt an top zubereitetem frischen Fisch wird uns fehlen und nach dem üblichen Absacker zogen wir uns in unsere Hütte zurück, wo uns die Frösche im Bad schon erwarteten. Man konnte fast die Uhr nach ihnen stellen… Die Tiere machten uns auf ihre Art klar, dass es jetzt Zeit wäre abzureisen, indem sie weit in Utes Komfortzone eindrangen und bei einem nächtlichen Badbesuch auf ihre Hand sprangen.




Der Amazonas Regenwald ist nach wie vor massiv bedroht, auch wenn die Rodungen durch strengere Auflagen deutlich nachgelassen haben, gibt es sie nach wir vor. In erster Linie geht es dabei um Schaffung von riesigen Flächen für die Landwirtschaft. Dazu kommen der Klimawandel und dadurch entstehende Waldbrände und Dürreperioden. Der Amazonas ist sehr dicht am sog. Kipppunkt, ab dem der Wald nicht mehr genug eigenen Regen erzeugen kann und sich in eine trockene Savanne verwandelt. 17% der gesamten Fläche sind schon zerstört, wenn ca. 20-25% erreicht werden, würde das Ökosystem kollabieren und der Wald wäre unwiederbringlich verloren.

Für uns waren diese drei Tage im Dschungel äußerst eindrücklich, wenn auch durch die extrem feuchte Hitze sehr anstrengend. Zwar sahen wir kaum ein nennenswertes Tier, haben aber einiges gelernt, interessante Einblicke bekommen und viel Spaß.
Sonntag, 12.07.2026
Der knapp dreistündige Rücktransport verlief reibungslos und wir erreichten unser Hotel in Manaus wieder deutlich vor der offiziellen Eincheckzeit, dieses Mal waren es sogar 4,5 Stunden. Das Ibis Style in Theaternähe war zu unserem Glück deutlich kulanter als unser erstes Hotel in der Stadt, wir bekamen sofort unser Zimmer. Glück gehabt, es war mit 38°C schwülheiß in Manaus. Schnell um die Ecke zum Waschsalon, ein kurzer Bummel um den Block und ein Snack in einem gut klimatisierten Café, das war es dann erstmal mit Aktionen.








Am späten Nachmittag folgten wir dem zunehmenden Lärm, der bis in unser Zimmer drang und stellten fest, dass unser Hotel fast direkt hinter der Bühne des „Dia Mundial do Rock“ Festivals lag. Zelebriert wurde der weltweite Tag des Rock, sozusagen Wacken im Dschungel. Nicht unsere Musik, offensichtlich auch nicht die von vielen anderen, die Zuschauerzahlen hielten sich extrem in Grenzen. Das machte den Bands aber scheinbar nicht viel aus, sie gaben alles und das unüberhörbar.






Unter diesen Umständen hatten wir keine Lust auf einen abendlichen Spaziergang zu einem Restaurant im Umkreis, in den man sein eigenes Wort nicht verstehen würde, wir blieben im relativ schalldichten Hotelrestaurant. Kulinarisch war das angebotene Buffet sicherlich nicht die beste Wahl, aber auch nicht wirklich schlecht und zumindest leise.
Montag, 13.07.2026
Ausschlafen! Das Ende des Konzertes bekamen wir schon nicht mehr mit, den maßgeschneiderten Ohrstöpseln sei Dank fielen wir in einen ungestörten Schlaf. Nach einem ausgiebigen und verhältnismäßig späten Frühstück waren wir gegen Mittag dann irgendwann so weit, uns wieder der Stadt zu widmen. Sie war inzwischen nicht hübscher geworden… Aus jeder Ecke springt einen der Verfall und die Armut an, überall liegen Obdachlose und häufig liegt Uringeruch in der Luft. Und das nicht in irgendwelchen Randgebieten, wir bewegten uns ausschließlich im sog. historischen Zentrum, unser Radius rund um das Theater betrug maximal 1,5 km.








Neben dem Amazonas Theater ist ein weiteres koloniales Highlight der Palacio Rio Negro. Entstanden ist der Palast 1903 in der Zeit des Kautschukbooms als Privatresidenz des steinreichen deutschen Kautschukbarons Waldemar Scholz. Auch für dieses Gebäude wurden fast alle Baumaterialien direkt aus Europa eingeschifft.




Brasilien hatte weltweit das Monopol auf Kautschuk, die Bäume lagen allerdings tief im Urwald verstreut, die Ernte war schwierig und teuer. 1876 schmuggelte der englische Entdecker Henry Wickham einige Samen in seine Heimat, die Briten zogen die Setzlinge auf und verschifften diese in ihre Kolonien in Südostasien. Der Anbau erfolgte in hafennahen Plantagen, was sowohl die Ernte als auch den Vertrieb sehr viel effizienter machte. Brasilien hatte gegen diese Konkurrenz keine Chance, bis 1920 brach die gesamte brasilianische Kautschukindustrie zusammen, die Kautschukbarone verließen die Region fluchtartig oder gingen bankrott. Die glanzvollen Zeiten von Manaus waren vorbei, die Stadt versank in Armut. Die Wende kam erst 1967, als die Stadt zur Freihandelszone erklärt wurde und sich namhafte Elektronikhersteller ansiedelten. Fast alle Fernseher, Smartphones, Klimaanlagen etc., die man in Brasilien kaufen kann, entstehen in Fabriken rund um Manaus und damit mitten im Amazonas. Logistisch ist das völliger Irrsinn, alles muss langwierig flussabwärts transportiert oder ausgeflogen werden, funktionieren tut es trotzdem, auch wenn man der Stadt den neuen Wohlstand nicht unbedingt ansieht… Die Gründe sind vielfältig. Manaus liegt auf der Hauptroute für Geflüchtete aus Venezuela. Wenn Menschen aus den Flussufergemeinden aus unterschiedlichen Gründen ihre Lebensgrundlage verlieren „retten“ sie sich in die Stadt. Viele Menschen verloren während Covid ihre Arbeit, Straßenverkäufer verschwanden von heute auf morgen aus dem Stadtbild, dazu kam eine hohe Inflation. Die Kriminalität steigt, viele Fenster sind bis in den 2. oder 3. Stock mit Gittern und Elektrozäunen gesichert, das historische Zentrum verfällt, am Stadtrand boomt die Elektronikindustrie, ein Kontrast wie er größer kaum sein kann. Wer weiß, wie Manaus in einigen Jahren aussehen wird.

Zur Belohnung für den schweißtreibenden Stadtbummel gönnten wir uns auf dem Rückweg einen Açaí-Eisbecher. Grundlage ist die Frucht der im Regenwald heimischen Kohlpalme. Die Beeren sind im Amazonasgebiet Grundnahrungsmittel, im Rest der Welt werden sie als „Superfood“ gefeiert. Der Geschmack ist leicht nussig und säuerlich, in Kombination mit Schokolade und frischen Früchten aber ausgesprochen lecker !

Es war Montag, alle vernünftigen Restaurants im Umkreis waren geschlossen bzw. zu abgehoben für unseren Geschmack. Wir griffen wieder auf das ungemütliche Restaurant in unserem Hotel zurück, auf ausgedehnte Erkundungsgänge hatten wir in dieser Stadt auch irgendwie keine Lust mehr. Dieses Mal gab es à la carte anstatt Buffet, bei der Bestellung im völlig leeren Restaurant teilte uns die Servicekraft mit, dass 4 Gäste vor uns dran wären und unser Essen deshalb ca. 1 Stunde !! später fertig sein würde. Immerhin konnten wir in unserem Zimmer auf ihren „Essen fertig“-Anruf warten. Die dann servierte Fischsuppe war dann wirklich hervorragend und ein schöner Abschluss der leckeren Amazonas-Küche.


Dienstag, 14.07.2026
Pünktlich verließen wir Manaus, die Millionenstadt und ihre weitläufigen Randgebiete mitten im Amazon haben wirklich eine fast schon surreale Lage. Die nächsten ernst zu nehmenden Städte mit vernünftiger Infrastruktur liegen auf dem Landweg 750 km nördlich, bzw. 890 km südlich und 740 km östlich auf dem Flußweg.




Brasília empfing uns mit sehr angenehmen Temperaturen, 27°C und nur 44% Luftfeuchtigkeit waren das Paradies gegen das Klima in Manaus. Ingo stand wohlbehalten beim Centro de Tradições Gaúchas Jayme Caetano Braun, einem Kulturverein, der die Bräuche der südbrasilianischen Gaúchos pflegt. Schön wieder zu Hause zu sein!

Wir legen noch einen Ruhetag ein und machen uns am Donnerstag auf den weiten Weg Richtung Süden. Sieben Wochen bleiben uns um dieses riesige Land wenigstens in Ansätzen zu bereisen.
Danke, dass ihr den phantastisch-sagenhaften Begriff Manaus mit Leben gefüllt und auf den Boden der Tatsachen gestellt habt.
Genauso aufschlussreich sind natürlich auch eure Eindrücke aus dem Dschungel!
Ich bin sehr froh, dass ihr die Konfrontation mit der gefährlichen Tierwelt unbeschadet überstanden habt – sogar Frösche! 😘