Nach einer kurzen Fährfahrt hatten wir das Gefühl in einem anderen Land zu sein. Wir kamen uns ein bisschen vor wie in den schottischen Highlands, wo es zur Landschaft passende Sagen und Legenden gibt und die Menschen ein wenig anders sind als im Rest der Nation.

Unsere Route:
Donnerstag, 06.11.2025 bis Freitag, 07.11.2025
Nur eine kurze Fährfahrt vom Festland entfernt liegt das 8.394 km2 große Chiloé, die zweitgrößte Insel des Landes. Viele Bewohner stammen vom Volk der Huilliche ab, auch als Volk des Südens bezeichnet, das vom 16. bis 19. Jhd. zu den gefürchteten indigenen Reiterkulturen Südamerikas gehörte. Neben Peru gilt Chiloé als eine der möglichen Urheimaten der Kartoffel, im Jahre 1960 wurden viele Städte auf der Insel von dem stärksten jemals aufgezeichneten Erdbeben zerstört, Haupteinnahmequelle neben dem Tourismus ist der Fischfang.

Chiloé ist auch bekannt durch die bis heute in den Alltag intergrierte Mythologie, die noch von den Huilliches abstammt. U.a. gibt es ein leuchtendes Geisterschiff namens Caleuche, das als Segelschiff mit den Klängen einer Feier an Bord erscheint, die Seelen der Verstorbenen sammelt und sehr schnell wieder verschwindet. Tief in den Wäldern lebt der Trauco, ein kleiner häßlicher, aber unglaublich verführerischer Kobold. Der Tanz der Meerjungfrau Pincoya entscheidet über den Erfolg des Fischfangs, daneben gibt es diverse Hexen und Zauberer.

Unser erstes Erlebnis auf der Insel war sehr real und wunderschön, kaum am auserwählten Stellplatz auf einer Klippe angekommen (und ohne Kamera ausgestiegen), begrüßten uns neben einer Traumaussicht einige springende Delfine. Ein schönes Geschenk zu Utes Geburtstag, der schon perfekt mit von Uwe selbst gebackenem Beerenkuchen 🥰 begonnen hatte. Leider nahm der Sturm im Laufe des Tages so extrem zu, dass an Aufenthalte im Freien nicht mehr zu denken war, ein kleiner Vorgeschmack auf den berüchtigten patagonischen Wind…


Am folgenden Tag war es nahezu windstill, wir gaben den Delfinen eine zweite Chance und blieben noch eine Nacht. Mehr als ein paar Rückenflossen waren allerdings nicht zu sehen und schon gar nicht zu fotografieren… Irgendwann gaben wir auf und machten stattdessen einen Spaziergang zum 3 km entfernten Leuchtturm. Wie sich herausstellte liegt der „Faro de Corona“ aber auf Militärgelände und ist nur am Wochenende zugänglich 🤷🏻♀️.





Samstag, 08.11.2025
Von den Delfinen zu den Pinguinen. Das Monumento Natural Islotes de Puñihuil besteht aus drei Inseln und ist der einzige Ort der Welt, an dem Magellan- und die gefährdeten Humboldtpinguine einträchtig zusammenleben. Der winzige Ort Puñihuil besteht ausschließlich aus Restaurants und Touranbietern, die im Viertelstundentakt Touristen mit Booten zu den Inseln fahren. Die Zufahrt erfolgt über den Strand, egal bei wem man bucht, man landet immer im selben Boot, auch die Parkplätze gehören irgendwie allen. Man hat das Gefühl, der gesamte Ort wirft am Tagesende alle Einnahmen in einen Topf.







40 Minuten dauert die Tour, bei der die Boote eigentlich viel zu nah an die Tiere heranfahren, in unserem Fall aber nicht so schlimm, es waren kaum Pinguine anwesend. Die eigentliche Saison geht von Januar bis März, wir sahen nur etwa 6 Magellan- und zwei Humboldtpinguine, letztere extrem fotoscheu… Darüber hinaus bewohnen diverse Kormoran-Arten, Enten und Seelöwen die Inseln. Wir waren froh, den kleinen Abstecher gemacht zu haben, die Pinguine sind einfach zu niedlich. Was in der Saison in dem Ort los ist, können wir uns allerdings lebhaft vorstellen.







Wir hätten auf dem Parkplatz neben dem Touranbieter übernachten können, entschlossen uns aber für die Weiterfahrt, wir wollten in den versunkenen Wald bei Chepu. Die 20 km lange Strecke in den Ort mit gerade einmal 200 Einwohnern führte permanent entweder bergauf oder bergab, ebene Abschnitte Fehlanzeige, besonders steile Abschnitte der Schotterpiste waren betoniert mit Querrillen. So viele und v.a. solch steile Steigungen hatten wir auf öffentlichen Straßen noch nie gesehen. Gut, dass wir uns in Chile befanden und die Straße deshalb in hervorragendem Zustand war.


Wir steuerten das Restaurant „Quincho“ an, Ingo parkte im Vorgarten mit schöner Aussicht, wir bekamen leckeres Abendessen, am nächsten Morgen waren wir für unsere Bootstour in u.a. den versunkenen Wald verabredet. Perfekt.


Sonntag, 09.11.2025
Durch das Erdbeben der Stärke 9,5 im Jahre 1960 senkte sich auf etwa 140 km2 der Boden um 2 Meter ab, Salzwasser drang in das bewaldete Gebiet ein, die Bäume starben ab, der versunkene Wald entstand. Unser Guide Fernando fuhr mit uns extrem langsam durch das skurrile Gebiet, das eine ganz spezielle Stimmung erzeugt. Beim Zusammenfluss der drei Flüsse Rio Chepu, Puntra und Butalcura drehten wir um und machten uns nach sehr beeindruckenden 1,5 Stunden auf den Rückweg.







Genau in der entgegengesetzten Richtung liegt der Muelle de la Luz, der Pier des Lichts, eine Holzkonstruktion des Künstlers Marcelo Orellana Rivera, die nur per Boot zu erreichen ist. Die Aussicht von dem gewundenen Holzsteg ist in der Tat sehr schön, so ganz konnten wir aber den Hype um den Ort nicht verstehen.






Nach insgesamt 3,5 Stunden waren wir zurück bei Ingo und machten uns auf den Weg auf die andere Seite der Insel. Chiloé ist u.a. bekannt für seine mestizisch geprägten jesuitischen Holzkirchen, von denen 16 eine UNESCO Welterbestätte bilden. Eine davon ist die 1860 erbaute kleine Iglesia San Antonio de Colo, die am Ende einer Sackgasse in einer Bucht des Rio Colo liegt. Kaum auf dem Parkplatz angekommen bog eine Dame mit Schlüssel um die Ecke, die uns gegen einen kleinen Obolus in die Kirche ließ. Ein System, das für alle 16 Kirchen identisch ist, wer nebenan wohnt, öffnet die Tür und kann ein wenig über die Geschichte erzählen.


Nur ein paar Kilometer weiter erreichten wir das beschauliche Dorf Tenaún mit der nächsten Holzkirche. Die Iglesia Nuestra Señora del Patrocinio wurde 1734 erbaut und zwischen 1999 und 2011 komplett restauriert.


Das Dorf gefiel uns ganz gut und unser Erlebnisbedarf für den Tag war gedeckt, wir suchten uns einen Parkplatz in der Nähe des Anlegers mit schönen Ausblicken auf drei Vulkane und hofften auf eine ungestörte Nacht.






Montag, 10.11.2025 bis Mittwoch, 12.11.2025
Unser nächstes Ziel war Castro, die Hauptstadt und der größte Ort der Insel. Der einzig mögliche Stellplatz für Ingo war der etwas außerhalb gelegene Camping Chakra, wir waren mit Uber schnell in der Stadt und Ingo hatte inzwischen Gesellschaft von ein paar Schafen.




Das insgesamt etwas marode wirkende Castro ist v.a. bekannt für seine palafitos, bunte Holzhäuser auf Stelzen. Von der Straße aus sehen sie aus wie jedes andere Wohnhaus, erst von der Wasserseite erkennt man die farbenfrohen Rückseiten und die teilweise ziemlich wacklig wirkenden Pfähle.




Die zweite Hauptattraktion des Ortes ist die Iglesia San Francisco, eine der 16 Holzkirchen, die zum UNESCO Welterbe gehören. Die Kirche wurde 1912 im Stil einer gotischen Steinkirche errichtet, aber in der traditionellen Holzbaukunst der Insel.




Im städtischen Feuchtgebiet in der Bucht von Gamboa wimmelte es von Schwarzhals-Schwänen, dem einzigen Schwan, der im südlichen Südamerika beheimatet ist. Endlich bekamen wir die Tiere einmal zu sehen, in der Vergangenheit hatten sie sich überall erfolgreich vor uns versteckt.


Insgesamt wirkte die Stadt im positiven Sinn ein bisschen vergammelt. Uns gefiel die Atmosphäre des Ortes ausgesprochen gut, nach einem halben Tag bei nicht ganz so optimalem Wetter hatten wir aber auch das Gefühl, alles gesehen zu haben.




Mittwoch, 12.11.2025
200 km Umweg für ein Straßenschild, positiver ausgedrückt für einen Meilenstein. In der Hafenstadt Quellón endet am Hito Cero die Panamericana, ein 48.000 km umfassendes System von Schnellstraßen und einer Nord-Süd Ausdehnung von 25.750 km. Der genaue Verlauf ist etwas unklar, offiziell beginnt die Panamericana in Laredo (Texas), aus touristischen Gründen wird gerne der Alaska Highway und die folgende Strecke an der Westküste der USA mit einbezogen. Ab Santiago de Chile gibt es zwei Verläufe, einen über Buenos Aires nach Ushuaia (Feuerland), den anderen bis Quellón und dann weiter über die Carretera Austral. Wie auch immer, für uns war dieser Ort mit dem unscheinbaren Schild tatsächlich ein Meilenstein unserer Reise, auch wenn wir mit Ingo in Arizona und nicht in Texas eingestiegen sind.



Nicht weit davon entfernt fanden wir am Pier des kleinen Fischerortes Yaldad einen unspektakulären Platz für die Nacht, bevor wir am nächsten Tag die gesamte Insel wieder Richtung Norden durchqueren würden.


Auf dem heutigen Weg zum Ende des befahrbaren Teils von Chiloé wollten wir eigentlich nochmals eine der Holzkirchen besichtigen, leider war aber niemand aufzutreiben, der uns die Tür zur Iglesia Nercón bei Castro geöffnet hätte. So blieb es bei einem Blick von außen im Nieselregen.

Eigentlich war unser Plan gewesen, ab Quellón mit der Fähre zurück auf das Festland nach Chaitén zu fahren. Wir, die nicht immer gut informierten Langzeitreisenden hatten aber die Rechnung ohne die Fährgesellschaft gemacht, diese Strecke wird nur von Januar bis März bedient. Die Alternative von Castro nach Chaitén sollte ein halbes Vermögen kosten, also alles zurück auf Los und von Puerto Montt mit der Fähre nach Chaitén. Es gibt keine durchgehende Straße nach Chaitén, die Carretera Austral ist im Norden von Fjorden unterbrochen, an irgendeiner Fährverbindung kommt man nicht vorbei. Wir entschieden uns u.a. aus Zeitgründen für die durchgehende Schiffsverbindung und gegen die Kombination Straße plus je nach Saison 2-3 Fähren und buchten eine Fähre für Samstag.
Donnerstag, 13.11.2025
Das Wetter war uns sehr viel wohlgesonnener als am Vortag, so dass wir einen kleinen Umweg über Chonchi machten, die Stadt auf Chiloé mit den meisten erhaltenen Holzhäusern aus dem 19. Jhd. Der Ort wird wegen seiner extremen Hanglage auch „Stadt der drei Etagen“ genannt, tatsächlich war der steile Aufstieg vom Hafen zurück in die „Oberstadt“ eine willkommene Ausrede für eine kleine Kaffeepause 😉.









Auch Chonchi verfügt über eine der Weltkulturerbe-Kirchen, wie bei allen Kirchen dieser Art auf Chiloé wurde ursprünglich beim Bau kein einziger Nagel aus Metall verwendet, das verbaute Holz war in erster Linie Lärche und v.a. Südbuche, das selbst im feuchten Klima Südchiles nicht fault.


Auch wenn unsere relativ hohen Erwartungen an die französische Bäckerei im Ort leider ziemlich enttäuscht wurden, Chonchi gefiel uns insgesamt ausgesprochen gut.
Auf dem weiteren Weg nach Norden passierten wir erneut Castro, ein kurzer Stopp am Mirador musste sein, die palafitos sahen mit ein wenig Sonne im Rücken noch ein bisschen hübscher aus.

Etwa 50 km von der Fähre entfernt liegt der kleine Ort Aucar mit einer winzigen vorgelagerten Insel, die zu Fuß über einen 500 m langen Holzsteg zu erreichen ist. Auf der Isla Aucar befinden sich eine kleine Kapelle aus dem Ende des 18. Jhd. sowie ein Friedhof, weshalb sie auch „Insel der segelnden Seelen“ genannt wird.



Wir parkten Ingo auf dem dazugehörigen Parkplatz mit Sicht auf diverse künstliche Miesmuschelbänke, der gesamte Boden unter dem Steg bestand fast nur aus Muschelschalen und hofften auf eine ruhigere Nacht als die vorherige. Diverse Menschen in Yaldad hatten offensichtlich nachts Langeweile und fuhren mit ihren Autos am Anleger spazieren…



Freitag, 14.11.2025
Unseren letzten Tag auf Chiloé begannen wir mit einem Stadtbummel in Ancud, das allerdings optisch weder mit Castro noch mit Chonchi mithalten konnte. Drei bemerkenswerte Dinge gab es aber dann doch. Erstens das Café Blanco direkt an der Plaza de Armas, der Kaffee war der Beste seit langem und die Torten sahen aus wie kleine Kunstwerke und schmeckten hervorragend.




Zweitens das Museum der 16 UNESCO Kirchen an der Ruta de las Iglesias. Ausgestellt werden maßstabsgerechte Modelle der Holzkirchen incl. Erklärungen über die Bauweise und die Geschichte, leider zu 95% nur auf spanisch. Trotzdem eine ganz tolle und absolut sehenswerte Ausstellung.







Drittens (und fast am Wichtigsten 😉), das Feuerwehrmuseum von Ancud. Das Interesse an den Exponaten war bei uns sehr ungleich verteilt, fairerweise muss aber gesagt werden, dass dies der erste Besuch dieser Art in 5 1/2 Jahren Reisezeit war 😘. Die chilenischen Feuerwehrleute waren super nett zu ihrem deutschen Kollegen (und seiner Begleitung), zu sehen gab es u.a. die älteste Feuerlöschpumpe Südamerikas von 1856.




Der Plan war eigentlich bei einem auf Austern und Räucherfisch spezialisierten Restaurant an der Küste auf dem Parkplatz zu übernachten und unseren Jahrestag gebührend zu feiern. Teil 1 klappte, Teil 2 leider nicht, das Lokal hatte wegen der noch nicht begonnenen Hauptsaison geschlossen. Dann eben doch selber kochen und den eigenen Wein trinken 🤷🏻♀️.




Zum Abschied von der sympathischen Insel konnten wir noch ein paar Schwarzhals Schwäne incl. Nachwuchs sowie eine Magellan-Dampfschiffente beobachten. Letztere werden bis zu 6 kg schwer und sind nahezu flugunfähig. Ihr Name kommt von ihrer Art der Fortbewegung, sie setzten ihre kurzen Flügel wie Schaufelräder ein um sich auf der Wasseroberfläche zu bewegen.




Morgen werden wir die Insel verlassen und zurück nach Puerto Montt fahren, von wo um 23.00 unsere Fähre nach Chaitén startet, das wir dann planmäßig 8-10 Stunden später erreichen werden. Chiloé war für uns auf jeden Fall den Sackgassen Abstecher wert !
Toll. Wir freuen uns schon. Delfine, Pinguine, Heimat der Kartoffel und sovieles mehr. Danke für den Tortentip.