Um es gleich vorwegzunehmen, die Piste war zwar teilweise anspruchsvoll und wurde immer schmaler, je weiter südlich wir kamen, insgesamt war sie aber doch sehr viel harmloser und einfacher zu befahren als wir erwartet hatten. Umso besser, so hatten wir mehr Blicke für die tolle Landschaft um uns herum übrig.

Unsere Route:

Mittwoch, 26.11.2025

Wir wären ja nicht in Patagonien, wenn wir es nicht mit wechselhaftem Wetter zu tun hätten. Den noch sonnigen Vormittag nutzten wir für einen Erledigungsstopp in Cochrane, die folgende Etappe hielten wir kurz und erreichten unser Ziel gerade noch vor dem nachmittäglichen Regen. Wieder durchquerten wir tolle Landschaften und kamen tatsächlich auch plötzlich wieder in den Genuss von Asphalt, zumindest für ein kleines Stück. Eine Wohltat nach dem vielen staubigen Schotter in letzter Zeit, wenn auch erkauft durch eine 20 km lange Baustelle…

Ingo parkte oberhalb der Carretera Austral auf einem Truppenübungsplatz mit eigentlich toller Aussicht in die umliegenden Berge. Leider versank alles in tiefen Wolken, wir hofften auf den kommenden Vormittag.

Donnerstag, 27.11.2025

Der Tag begann sonnig und wir fuhren über die zunehmend schmaler werdende Carretera Austral weiter Richtung Süden nach Caleta Tortel. Teilweise führte die Strecke durch dichte Wälder, meistens boten sich aber freie Ausblicke in die wunderschöne Natur. Die Gegend war kaum besiedelt, nur ganz vereinzelt gab es einzelne Häuser, abgelegener kann man kaum wohnen.

Unterwegs passierten wir riesige Flächen mit Sphagnum Moos, dieser nachwachsende Rohstoff wird hauptsächlich im Gartenbau eingesetzt. Das Moos hat eine extrem hohe Wasserspeicherkapazität, v.a. kann es umweltschonend geerntet werden und ist damit eine nachhaltige Alternative zu Torf.

Nicht nur unser eigentliches Ziel Villa O‘Higgins liegt in einer Sackgasse, auch der Weg in den Ort Caleta Tortel endet vor dem Wasser, bzw. vor Holzstegen aus Zypressenholz. Die 500 Seelen Gemeinde besteht aus Pfahlbauten an mehreren Steilhängen, miteinander verbunden durch ein weitläufiges Netz aus Bohlenwegen. Nur der Steg entlang des Ufers verläuft eben, alle anderen Wege gehen ständig treppauf und treppab, Knieprobleme sollte man hier nicht haben. Für Ingo war schon vor dem zentralen Parkplatz Schluß, keine Chance, hier unser Auto unterzubringen.

Tortel ist mit einer Fläche von 21.390 km2 die sechstgrößte und am dünnsten besiedeltste Gemeinde Chiles. Der Bezirk umfasst ein Archipel sowie eine Bergkette mit Inseln, Fjorden, Kanälen, Tälern und Eisfeldern. Die Straße in das Dorf wurde erst 2003 gebaut, vorher konnte man den zum Nationaldenkmal erklärten Ort nur per Boot oder Flugzeug erreichen.

Der Campingplatz von Caleta Tortel war logischerweise nur zu Fuß erreichbar, wir suchten uns einen Platz etwas außerhalb am Rio Baker. Sehr viel windgeschützter als am Vortag, dafür keine Aussicht. Man muss Prioritäten setzen.

Freitag, 28.11.2025

Die Straße nach O’Higgins zwischen Puerto Yungay und Rio Bravo ist durch einen Fjord unterbrochen, was eine halbstündige Fahrt mit einer kostenlosen Fähre erfordert. Sehr rechtzeitig kamen wir am Hafen für die erste Fähre um 10.00 an, leider war aber ein mindestens 25 m langer Gliederzug aus Lkw plus Anhänger schon vor uns vor Ort und bekam den letzten Platz auf dem Schiff. Immerhin konnten wir so aber einer fahrerischen Meisterleistung beiwohnen, unglaublich, wie der Fahrer das Gespann rückwärts auf die Fähre zwischen die schon geparkten Autos manövrierte. Respekt !

Überraschenderweise fuhren die Fähren momentan stündlich (und nicht wie im Fahrplan angegeben nur 4 Mal am Tag), wir wurden für das Schiff um 11.00 eingeplant, die Wartezeit hielt sich damit in Grenzen. Zwischenzeitlich informierten uns zwei abenteuerlustige Schwestern um die 70, die mit ihrem Pkw die Carretera Austral bereisten, über eine vier Stunden dauernde Vollsperrung ab 14.00 kurz vor O‘Higgins. Auch das nur ein kleines Problem, 2,5 Stunden für etwa 70 km sollten gerade so zu schaffen sein.

Wäre nicht das erste Auto, das uns am anderen Ufer begegnete, beim Ausweichen zu tief in die butterweiche Bankette gerutscht… Alleine hatte er keine Chance, also Berge-Gurt raus und den Subaru aus dem Schlamassel gezogen. Für uns bedeutete das zwei Dinge: 1. NIEMALS zu dicht an den Rand kommen 2. Gas geben, wenn wir es vor der Sperrung durch die Baustelle schaffen wollen.

Dazu muss man allerdings wissen, dass die Straße immer einspurig und die Fahrbahn teilweise extrem gewölbt ist, man fährt manchmal wie auf einem Ei, besonders schön in Kurven… Die Bankette ist wie schon erwähnt in weiten Teilen nicht befahrbar, dazu kommen unzählige Unterspülungen, das Ganze oft über einem seeehr tiefen Abgrund. Als Entschädigung war aber die Landschaft einfach nur phantastisch.

Zumindest der Fahrer bekam von der tollen Aussicht auf dieser Etappe aber nicht allzu viel mit, wir mussten schließlich die verlorene Zeit wieder aufholen 🫣. 3 Minuten nach 14.00 erreichten wir die angekündigte Vollsperrung, nur um festzustellen, dass es zwar eine Baustelle gab, die Straße aber geöffnet und weit und breit kein Bauarbeiter in Sicht war. Wir überlegen jetzt an der kommenden Ralley Paris Dakar teilzunehmen, mit Uwe als Fahrer rechnen wir uns gute Chancen aus🏎️🚛🤣.

Der obligatorische Stopp am Ortsschild von O‘Higgins musste sein, bevor wir die letzten Kilometer bis zum Ende der Carretera Austral in Angriff nahmen.

Die finalen 4 km hatten es in sich und toppten alles bisher auf der Strecke dagewesene. Ingos Radstand war um mindestens 50 cm zu lang für eine entspannte Fahrt auf der super engen und stellenweise unterspülten Piste entlang der manchmal vorspringenden Felsen. Gut, dass sich der Gegenverkehr sehr in Grenzen hielt und immer an der „richtigen“ Stelle auftauchte.

Aber dafür bekamen wir unseren Moment am „Fin de Carretera Austral“ Schild ganz für uns alleine, unglaublicherweise war außer uns niemand vor Ort. Es ist zwar nur eine Straße, aber eben eine ganz besondere und wir freuten uns, am Ende der teilweise etwas fordernden Strecke angekommen zu sein.

Bevor wir uns auf den ca. 300 km langen Rückweg machten, legten wir aber eine kurze Pause in Villa O‘Higgins ein. Der unaufgeregte Campingplatz Los Pioneros am Rand des winzigen Dorfes war genau der richtige Ort dafür.

Samstag, 29.11.2025

Waschtag! Unglaublich, wie schnell sich in extrem staubigen Gegenden der Wäschesack füllt… Das hauseigene Campingplatz-Pferd befand das Ergebnis für OK und wir starteten zu unserer Erkundungstour durch Villa O‘Higgins.

Ab 1903 begannen erste Kolonisten die Gegend zu besiedeln, das Dorf wurde offiziell 1966 gegründet, erst seit 1999 führt die Carretera Austral bis hierher. Namensgeber war der chilenische Unabhängigkeitsheld Bernardo O’Higgins (zu seiner bewegten Lebensgeschichte s. Wikipedia). Einen gewissen Aufschwung erlebte der Ort durch den zunehmenden Tourismus, außer Zimmervermietungen, ein paar Restaurants und zwei kleinen Supermärkten gibt es allerdings nicht viel. Momentan leben je nach Quelle zwischen 400 und 600 Menschen in dem verschlafenen Städtchen.

Unser erster Weg führte zur Touristeninformation, nach Vorlage eines Beweis-Selfies vor dem „Fin de la Carretera Austral“ Schild bekommt man ein Zertifikat mit dem Stempel des Bürgermeisters. Ein Souvenir, dass wir uns natürlich nicht entgehen ließen.

Der nette Touristenbeauftragte öffnete uns noch das winzige Dorfmuseum und wir besuchten eines der beiden geöffneten Cafés. Nach etwa 1,5 Stunden waren wir zurück bei Ingo, länger konnten wir unseren „Stadtbummel“ beim besten Willen nicht ausdehnen.

Sonntag, 30.11.2025

Zwei Tage in Villa O’Higgins waren mehr als genug, wir traten den Rückweg an. Unsere langfristige Route nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, führte zwangsläufig über Argentinien, aufgrund der Wettervorhersage für die folgenden Tage kam für den Grenzübertritt nur der kommende Donnerstag in Frage. Regen und Sturm war vorausgesagt, kein Wetter bei dem wir den schönen Parque Nacional Patagonia auf dem Weg zum Grenzpass „Paso Rodolfo Roballos“ durchqueren wollten. Wir hatten also Zeit, hielten die Etappe kurz und genossen die wunderschöne Umgebung.

Nach 60 teilweise etwas fordernden Kilometern für die nicht schwindelfreie Beifahrerin erreichten wir einen hübschen Platz am Fluß. Staub- und sichtgeschützt von der nahe gelegenen Carretera Austral und mit Blick in die Berge, perfekt für einen entspannten Nachmittag und Abend.

Montag, 01.12.2025

Das Wetter ändert sich schnell in Patagonien und damit auch die Pläne. Aus dem trockenen und halbwegs sonnigen Donnerstag war innerhalb von nur einigen Stunden der Dienstag geworden. Das bedeutete mal wieder Gas geben und Strecke machen, beides ja überhaupt kein Problem auf den engen Schotterpisten…

Bezüglich der Fähre hatten wir das Gefühl, es könne nicht schaden, sehr rechtzeitig am Hafen zu sein. Genau die richtige Entscheidung, wir hatten die Pole Position, die Warteschlange an Autos wurde immer länger und mindestens 20 Motorräder sammelten sich am Anleger. Während der Wartezeit hatten wir noch die Gelegenheit uns die „Tabsa“ Fähre anzuschauen, mit der wir eventuell eine 4 tägige „Kreuzfahrt“ durch die Fjorde machen wollten. Das Schiff war allerdings bis März komplett ausgebucht, nachdem wir das Boot live gesehen hatten vielleicht eine Fügung des Schicksals…

Die Landschaft Richtung Norden war genauso schön wie Richtung Süden, wenn auch sehr viel weniger sonnig als auf der Hinfahrt. In Cochrane machten wir einen letzten Einkaufsstopp in Chile in dem zwar gut sortierten aber ziemlich übersichtlichen Supermarkt, bevor es am kommenden Tag in eher unbesiedelte Gegenden in Argentinien gehen würde.

Etwas nördlich der Stadt und genau gegenüber der Einfahrt zum Grenzpass Paso Roballos parkten wir für die Nacht bei einem Aussichtspunkt über dem Zusammenfluss der Rios Baker und Chacabuco. Zwar mit sehr hübscher Aussicht, aber auch unglaublich schief. Wenigstens waren wir in die richtige Richtung geneigt, das Blut würde uns beim Schlafen sicher nicht in den Kopf laufen.

Dienstag, 02.12.2025

Pausen sind manchmal schön, aber eigentlich nur wenn man sie freiwillig macht. Aber von Anfang an…

Die Strecke durch den Parque Nacional Patagonia fing schon gut an, kaum losgefahren begrüßten uns die ersten Guanakos.

Landschaftlich war die teilweise etwas enge und holprige Schotterpiste mal wieder der Hammer, Seen, schneebedeckte Berge und der türkisblaue Rio Chacabuco, die Fahrt machte Spaß !

Wir befanden uns im Sektor Valle Chacabuco, der tierreichsten Region des riesigen Parks mit dem Beinamen „Serengeti der Südhalbkugel“. Die „big four“ sind Guanakos, die vom aussterben bedrohten Huemules (Andenhirsche), Nandus und Pumas. Abgesehen von sehr vielen Guanakos blieb es, was Sichtungen der anderen Arten anbelangt, für uns leider bei den Hinweisschildern.

Nach etwa 60 km erreichten wir den kleinen Grenzposten für die Ausreise aus Chile, präsentierten den diensthabenen Offiziellen unsere Pässe und v.a. das „Salvaconducto“, das nur für diese Grenzübergang benötigt wird. Diese Bescheinigung ist online unter Angabe des Ausreisedatums zu beantragen (incl. Pass- und Halbkörperfoto 🙄) und dient der Bestätigung, dass in Chile nichts gegen einen vorliegt und man das Land verlassen darf. So weit, so gut.

Leider gefiel dem anwesenden Polizisten aber die Tatsache nicht, dass als Ausreisedatum der ursprünglich geplante 04.12. auf dem Zettel stand, er verweigerte uns tatsächlich die Ausreise. Und das, obwohl auf dem Formular eine Gültigkeit von 5 Tagen angegeben ist (ab Ausstellungsdatum ??) und genau diese Situation bei anderen Reisenden vor ein paar Monaten noch kein Problem war. V.a. die Autorin war stinksauer, aber alles ärgern half nichts, wir fuhren 10 km zurück auf einen scheinbar eigentlich noch geschlossenen Campingplatz und stellten uns auf 1,5 Tage warten ein.

Wenigstens war die Umgebung schön und wir fanden eine windgeschützte Ecke, mittlerweile hatten wir es mit Böen um die 90 km/h zu tun. Zum wiederholten Male trafen wir hier zufällig auf unsere englischen Reisebekannten Jo und Kev, die beiden hatten das selbe Problem mit dem „Salvaconducto“…

Mittwoch, 03.12.2025

Wir gehen davon aus, dass wir morgen das Land verlassen dürfen, tatsächlich ist dies das erste Mal, dass wir Probleme bei einer Ausreise haben. Wenn überhaupt hat man die Schwierigkeiten ja eher bei der Einreise…

Insgesamt hat sich die Fahrt auf der Carretera Austral für uns auf jeden Fall gelohnt, sie führte über eine der landschaftlich schönsten Strecken unserer bisherigen Reise. Etwa 1.200 km teilweise holprige und enge Schotterpiste nervten zwar manchmal und der Staub ist wirklich durch jede Ritze gekrochen, fahrerisch war es aber zu keiner Zeit ein wirkliches Problem. Eine gewisse Grundaufmerksamkeit bzgl. um die Ecke schießenden Einheimischen, unsichtbaren Fahrradfahren, in Herden auftretenden Motorradfahrern und fiesen Löchern am Straßenrand vorausgesetzt…

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Chris
Chris
5 Tage zuvor

Moin, tscha, viel Gegend da unten und selbst mit viel mehr Zeit sieht man immer nur einen Bruchteil vom Ganzen…hat was, nech? Habe vor geraumer Zeit die Bücher von Gunther Plüschow gelesen, der von 1927-1931 drei Expeditionen dort unten durchgeführt und auf der letzten dann um´s Leben kam. Er wird in Chile und Argentinien heute noch verehrt.
Hier bollert mitlerweile der Holzofen und die ersten Kekse werden produziert….
LG
Birgit &Chris

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