Mit dem Fitz Roy Massiv und dem Gletscher Perito Moreno besuchten wir zwei der Hauptattraktionen des Parque Nacional Los Glaciares. Kaum etwas wird mehr mit Patagonien in Verbindung gebracht als diese beiden beeindruckenden Landschaften.

Unsere Route:

Donnerstag, 04.12.2025

An diesem Tag passte unsere Papierlage zu den Vorstellungen des chilenischen Grenzbeamten, wir durften ausreisen. Nach 11 km durch „Niemandsland“ kamen wir an dem argentinischen Grenzposten an, hatten Mühe bei dem inzwischen sehr heftigen Sturm die Türen der Fahrerkabine zu öffnen und betraten die Amtsstube.

Schlagartig fühlten wir uns in den Beginn der 60er Jahre zurück versetzt. Das Mobiliar bestand aus einem abgewetzten und etwas antiquiert wirkenden Aktenschrank, einem nur unwesentlich modernerem Schreibtisch mit 2 Küchenstühlen für die Antragssteller davor, jeder Menge dicker Notizbücher und ein bisschen sonstigem Kleinkram. Das einzig technische in dem Raum war ein altes Tastentelefon, ein hinter Aktendeckeln versteckter Router und ein offensichtlich privater Laptop. Das gesamte Einreiseprozedere lief komplett analog ab, die Aufenthaltsgenehmigung für Ingo wurde mit klassischem Blaupapier zwischen Original und Kopie ausgefüllt, unsere Einreise handschriftlich in eines der dicken Notizbücher eingetragen. Nach etwa 20 zähen Minuten, in denen dem offensichtlichen Neuling jedes Wort von seinem Chef in den Stift diktiert worden war, konnten wir das Büro verlassen, am Ende wurde dann noch fast die Inspektion von Ingos Kabine vergessen… Bienvenidos a Argentina !

Wir kehrten der wirklich extrem abgelegenen Grenzstation den Rücken und rumpelten auf unterirdisch schlechten Wellblechpisten durch die wunderschöne Landschaft, wenigstens ein Trost. Die 90 km lange Fahrt zum nächsten Asphalt verlief zwar überraschenderweise ständig auf einer mindestens 2-spurigen Piste, trotzdem war sie aufgrund des schlechten Zustands sehr nervig und anstrengend. Teilweise fühlten wir uns komplett allein auf der Welt, das einzige Fahrzeug, welches uns auf der Strecke begegnete, war ein 3 Achser aus der Schweiz.

Unterwegs sahen wir tatsächlich zwei Flamingos, ein Anblick, mit dem wir in dieser Gegend eher nicht gerechnet hätten. Die Landschaft änderte sich langsam , es wurde flacher und langweiliger, rechts und links nur noch Pampa, über die der Wind mit Böen bis zu 110 km/h fegte.

Kurz nach Erreichen der zum Glück asphaltierten Ruta 40, ein Umstand der für diese Straße nicht selbstverständlich ist, erreichten wir Bajo Caracoles. Das Dorf mit sage und schreibe 40 Einwohnern verfügt über eine Ambulanz, eine Polizeistation, eine Schule und eine wirklich sehenswerte Tankstelle mit ebenso sehenswertem angegliedertem Shop (leider ohne Foto von innen). Für eine Übernachtung in dem Ort war es noch zu früh und v.a. zu windig, wir fuhren weiter.

Es folgten ca. 80 km miserabelste Schlaglochpiste, das Ganze mit heftigem Seitenwind durch sterbenslangweilige Natur. Wir hatten schon bessere Fahrtage…

Nach insgesamt ziemlich anstrengenden 350 km erreichten wir irgendwann Gobernador Gregores, den ersten halbwegs ernst zu nehmendem Ort seit langer Zeit. Wir flüchteten vor dem Sturm auf einen windgeschützten Campingplatz, es reichte für den Tag.

Freitag, 05.12.2025

Etwa 20 km hinter Gobernador Gregores begannen die „Los Malditos 73“, „die Verdammten 73“. Dieser 73 km lange Abschnitt der Ruta 40 ist v.a. bei Motorradfahrern berüchtigt, er ist komplett unbefestigt, die Schottertiefe schwankt zwischen OK und zentimetertief, oft gibt es fiese Spurrillen und Wellblechabschnitte, teilweise besteht die Straße aus festgefahrenenem Lehm. Dazu kommt der fast immer auftretende extrem starke Seitenwind. Für Fahrzeuge mit vier Rädern stellt das Ganze kein wirkliches Problem dar, solange es trocken ist. Bei Nässe verwandelt sich der Lehm in Schmierseife, dann fährt niemand mehr freiwillig die Strecke, egal mit wie vielen Rädern…

Unterwegs sahen wir wieder unzählige Guanakos, die einzigen Tiere, die sich wenigstens ansatzweise fotografieren lassen. Das Nandu vom Vortag war schneller verschwunden als man Nandu sagen konnte, ein Kondor am heutigen Tag machte es ähnlich, die beiden Pudús*, die wir auf Chiloé gesehen hatten, liessen sich gleich gar nicht fotografieren.

* Das Pudú ist die kleinste Hirschart der Welt und sehr scheu, es wird nur etwa 40 cm hoch und wiegt maximal 13 kg.

Im Laufe des Tages nahm der Wind immer mehr zu, geschützte Stellplätze waren in der weiten argentinischen Pampa nicht zu finden, wir fuhren durch bis zum Nationalpark Los Glaciares. Besonders schön war das Verkehrsschild, das vor Windböen warnte, v.a. unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es über hunderte Kilometer eigentlich keine Bäume gab und die höchsten Dinge die Pfähle der endlosen Zäune rechts und links waren.

Bei einer nagelneuen Schutzhütte mitten im Nirgendwo bogen wir rechts ab Richtung El Chaltén, dem Einstiegsort in den Nationalpark, malerisch gelegen zu Füßen des berühmten Fitz Roy, einem über 3.400 m hohen Granit Bergmassivs. Leider war das Wetter nicht so ganz auf unserer Seite, die Wolken hingen tief, die Sicht auf die Gebirgsketten und v.a. DAS Symbol Patagoniens war suboptimal.

Für die kommenden zwei Tage stellten wir uns auf einem Parkplatz kurz vor dem Ort, der einzigen Möglichkeit für uns, wenn man vom offiziellen Wohnmobilstellplatz des Ortes absieht. Nach einer kurzen Besichtigung erwies sich dieser allerdings als Abstellort nicht mehr fahrbereiter aber dennoch bewohnter Wohnmobile und -anhänger, insgesamt keine besonders einladende Atmosphäre. Wir zogen den Parkplatz mit der Traumaussicht vor, hatten ganz viel Gesellschaft und hofften auf Wetterbesserung.

Samstag, 06.12.2025

Der morgendliche Blick aus dem Fenster ließ hoffen, die Sonne schien, freie Sicht auf den Fitz Roy, nichts wie los zum Info Center des Nationalparks.

Ein sehr netter Ranger bestätigte das konstante Wetter und empfahl uns eine insgesamt 8 km lange Wanderung zu einem Aussichtspunkt auf das Fitz Roy Massiv. Der Einstieg in den Weg war leider am entgegengesetzten Ende des Ortes, so dass aus den 8 km am Ende 12 km wurden. Gelohnt hat sich die Tour aber auf jeden Fall, auch wenn wir unterwegs des öfteren an die Fußball Hymne „You never walk alone“ von Gerry and the Pacemakers denken mussten.

Unterwegs hatten wir erneut das Glück, einen Kondor beobachten zu können, wie jedesmal ein faszinierender Anblick ! Der Weg führte hauptsächlich durch den Wald, bot aber immer wieder auch schöne Aussichten, u.a. auf das Tal des Rio de las Vueltas und das sehr touristische El Chaltén.

Am Ziel angekommen hatten wir tatsächlich das Glück, den Gipfel des Fitz Roy fast wolkenlos zu sehen, ein Umstand, der nicht allzu oft vorkommt. In der Sprache der Ureinwohner, der Tehuelche Indianer, wird der Berg wegen den häufig an der Spitze vorkommenden Wolken „Chaltén“ genannt, was „der Rauchende“ bedeutet. Wir genossen den Ausblick auf das beeindruckende Massiv mit dem Piedras Blancas Gletscher, natürlich waren wir aber auch hier nicht alleine…

Der Kontrast auf dem Rückweg hätte kaum größer sein können, von der wunderschönen Natur durch den austauschbaren Retortenort El Chaltén, der wie alle diese Städte hauptsächlich aus Gastronomie, Sportgeschäften und Hotels besteht.

Sonntag, 07.12.2025

90 km wieder zurück auf die Hauptstraße und ab zum nächsten absoluten Highlight in Patagonien. Ca. 100 km fuhren wir in die richtige Richtung, bevor es genauso viele Kilometer in die nächste Sackgasse ging. Unterwegs genossen wir wieder die tolle Bergwelt und die Ausblicke auf den unwirklich blauen Lago Argentino. Bei der Kondorsichtung des Tages konnten wir dieses Mal gleich drei Tiere beobachten und wir freuten uns über den Anblick des ersten Nadelbaums seit Wochen. Insgesamt eine schöne Etappe.

Irgendwann erreichten wir mit El Calafate den nächsten Touristenort, dank einer Sperrung wegen einer Demo und einer sehr halbherzigen Beschilderung bzgl. der Strecke für den Schwerverkehr bekamen wir von dem Ort auch einiges zu sehen.

Unser eigentliches Ziel lag noch einmal 80 km hinter dem Ort, der Glaciar Perito Moreno. Insgesamt ganz schön viele Kilometer für einen Gletscher, er war es aber wert ! Mit einem Shuttle wurden wir vom Parkplatz zu den super gemachten Stegen vor der Gletscherzunge gefahren, wir hatten die Wahl zwischen vier unterschiedlichen Routen, die von verschiedenen Terrassen hervorragende Aussichten auf das Eisfeld boten.

Die Angaben zu Größe und Wachstum des Perito Moreno weichen je nach Quelle stark voneinander ab. Gem. Reiseführer und Wikipedia ist er einer der wenigen noch wachsenden Gletscher der Welt, gem. den Schautafeln an den Aussichtspunkten im Nationalpark schrumpft er seit mindestens 2020 rapide. Wir fürchten, dass die Parkverwaltung die besseren Erkenntnisse hat, trotzdem standen wir zutiefst beeindruckt vor den Eismassen, auch wenn das Wetter dieses Mal nicht ganz auf unserer Seite war.

Mit ganz vielen bleibenden Eindrücken im Kopf machten wir uns auf den Rückweg und fanden etwas außerhalb der Nationalpark Grenzen einen schönen Stellplatz mit Blick auf den Lago Argentino. Der Umstand, dass wir dort ganz alleine waren, änderte sich schnell, immer mehr (v.a. Mietcamper) trudelten ein, am Ende standen wir zu sechst auf dem insgesamt ziemlich überschaubaren Areal mit der hübschen Aussicht. Und es war immer noch Vorsaison…

Montag, 08.12.2026

Wir legten einen Servicetag ein und bekamen nachmittags wieder nette Gesellschaft unserer englischen Reisebekannten Jo und Kevin sowie Angela und Stephen. Zusammen mit einem Paar aus der Schweiz saßen wir abends gemütlich zusammen und tauschten Geschichten aus, bis es dem anwesenden Terrier namens Lola zu langweilig wurde und sie anfing, die Umgebung zu erkunden. Sie machte ihrer Rasse alle Ehre und „fand“ ein Stinktier. Der Skunk war davon wenig angetan, der Gestank seines Verteidigungssekrets überwand mühelos die 20 m Distanz zu unserem Stuhlkreis, zumindest für Jo und Kev war der gemütliche Teil des Abends damit vorbei. Niemand verspürte das dringende Bedürfnis, sich dem Schauplatz zu nähern, um Fotos zu machen… Der Geruch kann sich im Hundefell monatelang halten, bei Kleidung hilft oft nur entsorgen.

Dienstag, 09.12.2025

Die argentinische Pampa kann so unglaublich langweilig sein. Man freut sich über jeden Hügel und jede Kurve im ansonsten platten Land. Rechts und links Zäune, dahinter manchmal ein paar Schafe oder Guanakos, meistens aber einfach nur gar nichts. Das Ganze gesäumt von den Kadavern der zahlreichen armen Tiere, die den Sprung über den Zaun nicht geschafft haben. Es gibt schönere Streckenabschnitte. Die Highlights waren die mittlerweile tägliche Kondorsichtung und das Auftauchen der Gebirgskette mit den „Torres del Paine“ am Horizont.

Der patagonische Wind pfiff uns um die Ohren, wir fanden Schutz neben einem kleinen Wäldchen, Ingo kuschelte sich dicht an die Büsche und trotz der Lage direkt neben der Ruta 40 blieben wir für die Nacht. Es geht nicht mehr darum wie hübsch ein Stellplatz ist, entscheidend ist der gebotene Windschutz.

Gut behütet waren wir durch die „Difunta Correa“ (difunta=verstorbene), direkt neben uns befand sich ein kleiner Schrein für die Schutzheilige der Reisenden und Lkw Fahrer. Der Legende nach war Maria Antonia Deolinda y Correa eine Frau, die während des Bürgerkrieges 1841 auf der Suche nach ihrem verschleppten Mann in der Wüste verdurstete. Ihr Kind überlebte dank der Muttermilch, es lag saugend an der Brust der Mutter. Über das ganze Land verstreut finden sich kleine Schreine am Straßenrand, an denen v.a. Lkw Fahrer Wasserflaschen für die Verdurstete ablegen.

Morgen wechseln wir nach nur fünf Tagen in Argentinien wieder das Land, unser Ziel ist der Nationalpark Torres del Paine in Chile. Dank seiner drei markanten nadelartigen Granitberge ist er einer der bekanntesten Parks des Landes. „Paine“ heißt in der Sprache der Tehuelche Indianer „himmelblau“, Torres del Paine also „Türme des blauen Himmels“. Wir freuen uns !

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Gerd Rother
Gerd Rother
1 Monat zuvor

Wie immer, sind Eure Berichte interessant und – charmant- beschrieben !
Ich erlaube mir einen Hinweis , wobei Ihr sehr viel Glück hattet !
Bei einem Besuch in Kanada, hat der Nachbar meines Bruders, nachts , mit seinem PKW, ein SKUNK überfahren,!
Das Fahrzeug wurde. “ entsorgt “ !!🫣

Ich bin gespannt auf Euern Zeit-Bericht, wenn Ihr
die. 4 mal 5 erreicht! 🤣👍

Herzliche Grüße aus dem naßkalten Hamburg ,

Gerd

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