Die Türkei ist groß, richtig groß. Wir sind in 2 Monaten, 1 Woche und 30 Minuten 6.865 Km gefahren und haben nur einen Bruchteil des Landes gesehen. Ausgereist sind wir damit 22 Tage früher als die erlaubten 90 Tage.

Unsere Grobroute:

Quelle: University of Texas Libraries

Wir haben extrem unterschiedliche Landschaften gesehen, waren am Meer, in den Bergen, in der platten Ebene und sind durch Hitze und Kälte gefahren. Was aber überall gleich war, war die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen. Je weiter wir nach Osten kamen, desto willkommener fühlten wir uns und desto „ursprünglicher“ waren Land und Leute.

Die Inflation während unseres Aufenthalts war beachtlich. Als wir am 29.09. einreisten, kostete 1 Liter Diesel ca. 6,80 TL, was umgerechnet 0,66 € waren. Bei unserer Ausreise am 06.12. kostete der Liter Diesel ca. 9,68 TL, was umgerechnet 0,62 € entsprach. D.h. für die türkische Bevölkerung hat sich Diesel um mehr als 40% verteuert, für uns ist er um ungefähr 6 % günstiger geworden. Und das zieht sich durch alle Lebensbereiche…

Insgesamt empfanden wir die Türkei als ein Land voller Gegensätze, hier nur einige davon:

  • ursprünglicher Osten, touristischer Süden und zum Teil westlich wirkende West- und Zentraltürkei
  • Hochhausgürtel um jede größere Stadt und teilweise verfallene Behausungen auf dem Land
  • verschleierte Frauen v.a. auf dem Land, Miniröcke in den Städten
  • faszinierende Landschaften, aber auch kilometerlange Ebenen
  • Hotelanlagen, die eigene Städte bilden im Süden, null Tourismus im Osten
  • vermarktete Landschaften (Kapadokien, Pamukkale) gegenüber nicht weniger schönen, einsamen Gebirgen
  • Cafés, zu jeder Tageszeit voll mit Männern, aber keiner einzigen Frau
  • Alkohol ist im Islam eigentlich verboten, aber überall liegen leere Bier- und Weinflaschen herum und die Dichte an Alkoholshops ist v.a. im Süden und Westen wirklich erstaunlich. Im Osten ist auch nicht daran zu denken, Alkohol im Supermarkt zu bekommen, was im Rest des Landes kein Problem ist

Der Straßenverkehr ist speziell.

  • aus zwei Spuren kann man locker vier machen, v.a. vor Ampeln
  • Grün heiß nicht, dass keiner mehr von rechts oder links kommt
  • auf autobahnähnlichen Straßen fährt alles, auch Traktoren, Fahrräder und Mofas
  • wenn es nicht so weit ist, kann man auch als Geisterfahrer auf dem Standstreifen unterwegs sein. Wobei die Länge der Strecke sehr variabel ist
  • Ladungssicherung gibt es nicht. Was nicht vom LKW fällt, war ausreichend verzurrt oder zu schwer zum runter fallen
  • alle Autos sind weiß, bis auf die ca. 1% die schwarz sind
  • man kommt mit jedem Fahrzeug überall hin, 4×4 ist was für Anfänger
  • und und und…

Was v.a. mich nervte, war die unglaubliche Jandarma-/Militärpräsenz in Ostanatolien. Ja, die Gegend hat einen hohen Anteil kurdischer Bevölkerung und liegt dicht an der syrischen Grenze, aber auf was wir dort trafen, war in meinen Augen zu viel des Guten. Kein Hügel ohne Wachturm, keine Stadteinfahrt ohne Slalom durch Betonpoller, vorbei an schwer bewaffneten Soldaten und Panzerfahrzeugen. Zum Teil war keine Navigation mehr möglich, weil kilometerlang das GPS gestört wurde. Auch wenn wir nie kontrolliert wurden und uns immer freundlich zugewunken wurde, befremdlich war es trotzdem. Aber im gesamten Land kann man das Gefühl bekommen, dass von jeder Familie mindestens ein (männliches) Mitglied bei der Polizei/Jandarma ist – anders ist diese Vielzahl an Uniformierten nicht zu erklären.

An allen Landstraßen, die zum größten Teil super ausgebaut und in top Zustand sind, wird Obst und Gemüse verkauft. Leider in den meisten Fällen aber nur in riesigen Säcken. Bis wir 10 Kg Zwiebeln oder 1 Kg Chili gegessen hätten, wären wir schon längst wieder in Deutschland und würden Ingo für die Verschiffung nach Kanada leer machen. Und dann gibt es das Ganze auch immer nur sehr einseitig, eben was in der jeweiligen Region so angebaut wird. Und da sehr viel Monokultur herrscht, kann man entweder Kartoffeln, Melonen, Bananen, Mandarinen, Nüsse etc. kaufen, aber so gut wie nie eine Mischung davon.

Wild Campen ist überhaupt kein Thema. Weder die Bevölkerung noch die Polizei haben ein Problem damit, wenn man irgendwo in der Landschaft die Nacht verbringt – im Gegenteil. Ganz oft wurden wir freudig begrüßt, wir wurden umsorgt und bewirtet und nie fühlten wir uns in irgendeiner Weise gefährdet oder unwohl.

Was sich aber durchzog, waren die vielen vielen Streuner, an denen man nicht vorbei kam und der Müll. Wo Menschen sich aufhalten, war leider beides in Massen anzutreffen. Diese beiden Dinge waren es auch, die uns das Land etwas vermiest haben. Wir haben beileibe nichts gegen Hunde, schließlich sind wir selbst mit einem unterwegs, aber diese Präsenz von mehr oder weniger wilden Hunden ist einfach anstrengend, v.a. auch wegen unserem kleinen Problemfall. Aber auch ohne Lui hätten wir keine Lust ständig über einen Kangal o.ä. zu stolpern, von dem keiner weiß, wie er gelaunt ist, was er u.U. für Krankheiten hat (in der Türkei gibt es Tollwut) und der Ingo anpinkelt…

Wir würden gerne noch einmal wieder kommen, die Küsten wären aber sicher nicht unser Ziel.

Die Türkei lässt uns zwiegespalten zurück…

Und noch ein Rätsel am Schluss: Im gesamten Land findet man einzelne Schuhe. Am Strand, in den Bergen, im Wald, überall. Wer verliert ? entsorgt ? einen einzelnen, intakten Schuh ?? ?

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Chris
Chris
11 Monate zuvor

Moin IhrLieben,
vielen Dank für die Impressionen aus der Türkei, evtl. wäre die östliche Schwarzmeerküste dann eher weniger touristisch beansprucht als der Süden, aber dass ist nur eine Vermutung. Griechenland liegt zur Zeit unter einer ausgedehnten Tiefdrucklage mit Unwetterpotenzial, wie wie eigentlich das ges. Mittelmeer. Bis zu Eurem Boostertermin „be carefull“, Omicron hat zu der Empfehlung geführt, sich möglichst drei Monate nach der letzten Impfung die Auffrischung abzuholen und ein neuer Impfstoff ist für Februar geplant. Die Fallzahlen hier stagnieren zwar im Moment, aber auf verdammt hohem Niveau. Weiterhin viel Spaß und tolle Eindrücke auf Euren Wegen…
cu
Birgit&Chris

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