Der Norden hat uns etwas mit der Insel versöhnt. Nicht ganz so dichter Wald, weniger besiedelt und schöne einsame Küstenabschnitte.

Unsere Route:

Dienstag, 06.06.2023

Wir wollten Wale sehen ! Ca. 100 Km nördlich von Campbell River steuerten wir die Naka Creek Recreation Area an der Ostküste an. Die letzten 30 Km führten über eine mehr oder weniger miese Schotterpiste durch den Wald und kosteten uns ca. 1 Stunde. Der mühsame Weg hatte sich aber auf jeden Fall gelohnt, das kostenlose Campingareal lag traumhaft an der „Johnstone Strait“, einer Meerestrasse, die u.a. Vancouver mit Alaska verbindet. Nebenbei ist sie aber v.a. ein wichtiger Lebensraum für Orcas, die Schwertwale sollen sich hier zahlreich in Küstennähe aufhalten.

Nachdem wir die Gegend zu Fuß erkundet hatten, fuhren wir ein paar Kilometer weiter und stellten Ingo an einen ehemaligen Holzhafen. Erstens waren wir dort völlig alleine und zweitens hatten wir uneingeschränkte Sicht auf das Wasser – es fehlten nur noch die Wale.

Wir gaben den Jungs eine Chance und blieben ein paar Tage 😉.

Mittwoch, 07.06.2023

Was soll man sagen, wir standen lt. Infotafel an einem der weltweit bedeutendsten Lebensräume für Killerwale und sahen —- keinen einzigen.

Dafür standen wir aber an dem einzigen Platz mit Telefonnetz weit und breit und kamen so mit einem Straßenarbeiter ins Gespräch, der seine Pause telefonierend hinter Ingo verbrachte. Dadurch erfuhren wir

  1. dass die Wale eigentlich immer hin und her schwimmen und zwar genau dort, wo wir standen
  2. dass in der Mitte der Insel auf einer relativ großen Fläche der Wald brennt und deshalb die Ost-Westverbindung nach Ucluelet gesperrt ist. Genau der Highway, den wir fahren wollten, um an der Westküste eine Waltour zu machen…
  3. dass es in der Nähe unseres Stellplatzes einen netten Wanderweg – na… ? durch den Wald zu einem Wasserfall gibt.

Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen 😉

Donnerstag, 08.06.2023 bis Sonntag, 11.06.2023

Unglaublich – insgesamt verbrachten wir 4,5 Tage an diesem angeblich so walreichen Küstenabschnitt und sahen bis zum Schluss keine einzige Rückenflosse oder sonst ein Walteil. Dafür passierten uns ständig irgendwelche Kreuzfahrtschiffe von Ost nach West und umgekehrt. In den jeweiligen Hafenstädten ging es bestimmt völlig entspannt zu… 😱.

Eine kleine Auswahl:

Sonntag, 11.06.2023 bis Dienstag, 13.06.2023

Unseren Plan, an die Westküste der Insel zu fahren, um dort eine Waltour zu machen, mussten wir auf Grund des Waldbrandes leider streichen. Die einzige ernstzunehmende Verbindung in die Orte Tofino und Ucluelet war tagelang gesperrt, die mit 4 Stunden angegebene Umleitung über eine Schotterpiste keine Alternative, zumal sie nur für „wesentlichen Verkehr“ freigegeben war.

Wir disponierten um, steuerten den kleinen Ort Telegraph Cove etwas weiter nördlich an, buchten eine Waltour im Zodiac für Montag und richteten uns für zwei Tage auf einem der beiden Campingplätze des Ortes ein. Kaum waren wir angekommen, wurde die Schlauchboot-Tour für den folgenden Tag wegen Sturmwarnung storniert, wir konnten aber auf ein etwas größeres Schiff umbuchen.

Den Nachmittag nutzten wir für eine relativ sportliche Wanderung zu einem schönen Aussichtspunkt über die vorgelagerten Inseln. Der zweistündige Weg (natürlich) durch den Wald bot von Stegen, über Treppen, Bachdurchquerungen bis zu kleinen Kletterpartien alles was man sich unter einem „nature trail“ so vorstellt.

Die Fahrt am Montag Vormittag begann super, kaum abgelegt begleiteten uns ein paar kamerascheue Zwergwale, etwas später konnten wir einige Buckelwale beobachten – und das alles bei völliger Windstille 😳.

Das war es dann aber leider auch, die Kraftstoffzufuhr des Bootes gab teilweise den Geist auf und wir tuckerten zurück in den Hafen. Zu den erhofften Orca Sichtungen kam es damit wieder nicht, der Veranstalter war aber so fair, den vollen Preis zu erstatten.

Er entschädigte uns ein bisschen für das verpasste „wildlife“:

Ansonsten ist Telegraph Cove ein niedlicher Ort mit 20 festen Einwohnern, ursprünglich ein Fischer- und Konservendorf, heute im Prinzip eine Kombination aus Freilichtmuseum und Ferienressort, das im Sommer aus allen Nähten platzt und im Oktober seine Pforten schließt.

Um die „Pleiten, Pech und Pannen“ Serie komplett zu machen, gab auch noch unsere Heizung den Geist auf. Lt. Fehlermeldung im Display war der Verbrennungsluftmotor defekt und unsere Truma Combi 6E machte gar nichts mehr, weder warme Luft noch warmes Wasser. So kamen wir mal wieder in den „Genuss“ einer Campingplatz Dusche, hatten wir lange nicht mehr…

Dienstag, 13.06.2023

Nach ca. 200 Km zurück in den Süden erreichten wir erneut den Quinsam Campground bei Campbell River. Die Stadt liegt günstig als Zwischenetappe, Einkaufsstopp und Orientierungspunkt. Der Highway nach Tofino an der Westküste ist leider immer noch wegen Waldbränden gesperrt und unsere ursprünglichen Pläne damit hinfällig.

Kanada brennt… Und das ist nur British Columbia…

Wir richteten uns auf dem für einen Werktag sehr vollen Platz ein und machten neue Pläne. Der Saisonbeginn ist überall deutlich spürbar und die Unerreichbarkeit eines der top Touristenziele tut ein Übriges – es ist voll…

Das sporadisch vorhandene internet nutzten wir für Recherche und Emails in Sachen Heizung, incl. einem wegen der Zeitverschiebung nächtlichen Telefonat mit dem Truma Service Deutschland.

Mittwoch, 14.06.2023

Ein Wunder ! Vielleicht war es der gute Wille aller Beteiligten, auf jeden Fall lag ein Fall spontaner Selbstheilung vor. Danke an Frau Böck von Truma für den Telefonsupport, John von West Coast Motorsports RV für die unglaublichen Bemühungen, sich um ein europäisches Heizungsmodell zu kümmern, das er lt. Truma gar nicht reparieren kann (!?) und Jan von Fa. Kerkamm für gedanklichen, bildlichen und telefonischen Beistand. Ein blödes Gefühl bleibt…

Deutlich besser gelaunt als am Vortag starteten wir weiter in Richtung Süden und kamen ein paar Stunden später am Englishman River Falls Provincial Park bei Parksville an. Wie der Name schon sagt, gab es abgesehen von einem Campingplatz im obligatorischen Wald mal wieder Wasserfälle 🥱🥱🥱.

Donnerstag, 15.06.2023

Der Highway nach Tofino war noch mindestens bis 24.06. wegen dem Feuer gesperrt, wir wollten uns trotzdem den westlichen Teil der Insel ansehen und steuerten Port Renfrew etwas südlich der Sperrung an.

Langsam wird es wirklich langweilig… Wir landeten wieder auf einem Campingplatz im Wald, diesmal auf dem Stoltz Pool Campground im Cowichan River Provincial Park. 

Die Alternativen auf Vancouver Island sind aber auch wirklich dünn gesät. Erstens ist gefühlt die gesamte Insel ein einziger Nadelwald und zweitens ist schönes Freistehen fast unmöglich, zumindest haben wir nichts in dieser Richtung entdecken können. Alles ist irgendein Park oder privat oder verboten oder eben nicht schön. Es bleiben i.d.R. nur Campingplätze – und die liegen zu 90% im Wald, in der Nähe eines Flusses, Sees, oder Wasserfalls, kosten zwischen 18,- und 25,- $ und sehen alle gleich aus. Sorry VCI-Fans, unser Fall ist das nicht. 

Eine kleine Abwechslung war am Vormittag der Besuch des „Dutch Stores“ in Coombs. Ein netter kleiner Laden mit holländischem, dänischem und allgemeinem Touristensortiment, v.a. aber mit Vollkornbrot und echtem Käse aus Holland 😉👍. 

Freitag, 16.06.2023

Das war doch mal was anderes – ein kleiner Baum auf einem Stamm im See. Natürlich immer noch ein Baum, aber nur einer auf einmal und im Wasser, statt in Massen um uns herum 😉. 

Das Ganze befand sich im Fairy Lake kurz vor Port Renfrew, die nebenan liegende Recreation Area, auf der wir übernachteten, war natürlich im Wald am See und ohne Telefonempfang. Alles wie gehabt, auf VCI muss man sich wenig umgewöhnen. 

Der einzige Unterschied bestand in der Abwesenheit von Wanderwegen und der Anwesenheit einer sehr netten Campground-Host(in). Aber auch dieser Platz war voll, am Wochenende „ist Kanada draußen“. Unglaublich viele nicht nur junge Menschen sind mit Zelt unterwegs und das trotz „fire ban“, d.h. das eigentlich eminent wichtige Lagerfeuer ist momentan wegen der Waldbrände verboten. 

Die Fahrt quer durch die Insel an die Westküste war jedenfalls bis auf das schlechte Wetter exemplarisch für die Insel. 

Samstag, 17.06.2023

Mehrmals war uns der „Botanical Beach“ in Port Renfrew als besonders schön, toll, faszinierend, absolut sehenswert und ein „must see“ ans Herz gelegt worden. Wir folgten den vielen Ratschlägen, fuhren in den Juan de Fuca Provincial Park südlich des Ortes, quetschten Ingo an den Rand des riesigen und vollen Parkplatzes und machten uns mit ganz vielen anderen Menschen auf den 2,5 Km langen Rundweg. Mit Empfehlungen ist es immer so eine Sache… Der Weg durch den gemäßigten Regenwald hat Spaß gemacht und der Botanical Beach mit den vielen Gezeitentümpeln war hübsch. Die wahre Begeisterung setzte nicht ein, was aber bestimmt daran lag, dass sich die vielen Seesterne, Seeigel und Krebse in den Tümpeln erfolgreich vor uns versteckten…

Nachdem wir mit dem Wifi am Visitor Center unsere Fährüberfahrt für Dienstag in die USA gebucht hatten, parkten wir Ingo ein paar Kilometer weiter in einer Schotter-Sackgasse in der Nähe des Highway und hofften auf eine ungestörte Nacht.

Sonntag, 18.06.2023 und Montag, 19.06.2023

Bis auf eine Horde lautstarke Frösche, die wirklich sehr spät schlafen gingen, verlief die Nacht wie erhofft ohne Störungen. Für die folgenden 90 Km auf dem Küstenhighway 14 nach Victoria war es auch von Vorteil, ausgeruht zu sein. Die kurvige Straße war zum größten Teil miserabel und Ingo hüpfte sich durch Schlaglöcher und Fahrbahnabsenkungen. Uwe war mit Lenken beschäftigt, ich mit Festhalten und das alles bei nebligem Nieselregen durch den Wald, ohne nennenswerte Aussicht auf den Pazifik.

In einem Vorort von Victoria stockten wir noch unseren Vorrat an „Great Value“ Schokolade auf, die kanadische Hausmarke von Walmart hat unschlagbar leckere und günstige Schokolade, made in Switzerland 😎.

Anschließend begaben wir uns zum letzten Mal in Kanada auf einen Campingplatz im Wald. Der nahezu ausgebuchte Campground des Goldstream Provincial Park unterschied sich nicht wesentlich von seinen vielen Vorgängern, neu waren eigentlich nur die amerikanischen Erdbeerbäume mit ihrer sich ablösenden Rinde und der mit 35 $ stolze Preis für einen dunklen Stellplatz ohne alles.

Wir blieben zwei Nächte und nutzten den Montag für eine Stadtbesichtigung von Victoria, der Hauptstadt von British Columbia. Die Stadt mit ca. 92.000 Einwohnern war bis Ende des 19. Jhd. Nordamerikas Hauptstadt der Opiumproduktion und des Opiumhandels, steht bis auf das Parlamentsgebäude auf dem Land der Songhees First Nation und wartet außer einem großen irischen Viertel auch mit dem ältesten China Town Kanadas auf. Trotz bewölktem Himmel, Wind und frischen 14°C ein schöner Ausflug.

Damit verabschieden wir uns nach knapp 9 Wochen wieder aus Kanada. Für uns bleiben die sehr netten Menschen in Erinnerung, landschaftlich war es nicht ganz so unser Ding, dafür war es für unseren Geschmack einfach zu waldig. Dazu kommt noch, daß wir in den allermeisten Fällen auf Campingplätze mussten, weil frei stehen entweder verboten oder schlichtweg in unseren Augen nicht schön war. Natürlich können wir nur von Teilen Albertas und British Columbias sprechen, das Land ist groß, vielleicht bereisen wir irgendwann nochmal eine andere Ecke.

Unsere Einreise in die USA findet etwas früher statt als ursprünglich geplant. Für Anfang Juli haben wir einen Flug ab Seattle nach Deutschland gebucht. Wir werden 3 Wochen „zuhause“ sein und auch wenn wir uns auf Familie und Freunde natürlich sehr freuen, ist der eigentliche Grund unseres Heimflugs nicht schön. Nach ungefähr 4 Jahren des ständigen Auf und Ab haben wir uns entschlossen Lui in die Obhut anderer Menschen zu übergeben. Er ist mit unserem unsteten Leben eigentlich ständig überfordert und lebt einen Großteil der Zeit in Angst. Auch ein dauerhaftes Leben in Heidenheim würde ihm nicht helfen. Es bricht uns fast das Herz, wir sind sehr sehr traurig, aber auch überzeugt in Luis Sinn die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Er kommt zunächst auf die beste Pflegestelle der Welt (Danke !!! nach Buchholz) und ist demnächst bei einem Tierschutzverein in der Vermittlung. 

Wir werden weder hier noch bei Polarsteps Kommentare zu diesem Thema veröffentlichen. 

Unser Aufenthalt in Deutschland ist zu kurz, um alle lieben Menschen zu sehen. Wir hoffen auf euer Verständnis, dass wir unsere Zeit hauptsächlich mit der Familie verbringen werden und die restliche Zeit wahrscheinlich in Wartezimmern bei Ärzten sitzen werden…

5 4 votes
Article Rating
Author

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
4 Comments
neueste
älteste meiste Bewertungen
Inline Feedbacks
View all comments
Hannes
7 Monate zuvor

Danke für die guten Berichte. Wir sind jetzt seit sechs Wochen in Kanada unterwegs, von Halifax bis jetzt in Banff, und wir machen landauf, landab genau die gleichen Erfahrungen: verboten, gesperrt, nicht erlaubt, hässlich. Hier im Banff NP ist es besonders krass, 20,- $ für einen sogenannten Campground, der noch nicht einmal Duschen hat. Außerdem: Zahlen Sie hier 12,- für nen State Park, da 20,- für Day Parking, nochmal 16,- pro Tag für einen Regional Pass und so weiter und so weiter. Und es ist im ganzen Land von Ost nach West das gleiche. Und dabei haben wir noch nicht… Weiterlesen »

Thomas Burkhardt
Thomas Burkhardt
7 Monate zuvor

Ich liebe Eure ehrlichen Berichte!!!!
Ich erlebe bei Reiseberichten sonst fast nur schwärmerische Narzissten, also bitte weiter so und alles Gute für Euren Heimaturlaub, herzlichst Tom

Tanja und Gunnar
8 Monate zuvor

Eine herrliche Beschreibung. Wir empfanden es sehr ähnlich, man muss echter Wald-und Wasserfallfan sein.
Alles Gute für Euch und auch speziell für Lui.
Wir denken an Euch.

Chris
Chris
8 Monate zuvor

Moin, zwiespältiges Fazit…Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität. Einerseits völlig normaler Zustand auf Reisen und richtige Zeit, am richtigen Ort, ist dann halt Glück…
und eine Frage der Gelassenheit, die Dinge zu akzeptieren die man nicht ändern kann.
Geht Euren Weg und schaut nach vorn
LG
Birgit&Chris

Translate »